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Titel: Heimat. Über ein ambivalentes Gefühl · von Rosa Windt · S. 44 - 45
Titel: Heimat. Über ein ambivalentes Gefühl ,

Heimat

Über ein ambivalentes Gefühl
Herausgegeben von Rosa Windt und Oliver Zybok

Der KUNSTFORUM Band Heimat. Über ein ambivalentes Gefühl untersucht im Kontext historischer Entwicklungen, wie die eng miteinander verwobenen Aspekte von Identität, Herkunft und Familie den Begriff „Heimat“ innerhalb einer gegenwärtigen künstlerischen Auseinandersetzung prägen. Als ein extrem aufgeladener Begriff mit hohem emotionalem Potenzial ist „Heimat“ ein starker Trigger für politische und alltägliche Konflikte, wie existentielle Ängste, und historisch bedingt bis in die Gegenwart probates Mittel einer (rechts-)nationalen Rhetorik. Innerhalb der Bildenden Kunst sind insbesondere Landschaftsdarstellungen seit dem Mittelalter zum Verhandlungsort von Heimat geworden und dienten hier der Einbettung religiöser Motive. Innerhalb der flämischen und niederländischen Malerei im 16. und 17. Jahrhundert wird Heimat in alltäglichen Situationen und Umgebungen wiedergegeben, während die Industrielle Revolution eine erneute Hinwendung zur Landschaft als Ort der Idylle und Sehnsucht hervorruft.

Einer fortschreitenden Globalisierung und Digitalisierung werden gegenwärtig in einem ähnlich begründeten Bedürfnis nach Orientierung lokale und analoge Lösungen entgegengesetzt. Aber auch im vermeintlich Kleinen und Alltäglichen, in familiären Konstellationen spielen Heimat und Herkunft im Hinblick auf Zugehörigkeit und Geltung nach wie vor eine hervorgehobene Rolle. Was Heimat definiert und wo emotionale wie gleichsam staatliche Grenzen verlaufen, unterliegt absoluter Willkür und individuellen Erfahrungen und Möglichkeiten, dennoch unter liegen Heimat und Familie vielfach immer noch stereotypen und „idealen“ Vorstellungen, die so kaum existent sind. Eine gegenwärtige künstlerische Auseinandersetzung verhandelt in dieser Hinsicht Themen von Identität und Rollenbildern, ebenso wie den Klimawandel, Kriege und Diasporaerfahrungen, und entwirft fluide, wenig vorhersehbare oder endgültige Aspekte von dem, was Heimat bedeuten kann.

In einem einführenden Beitrag Heimat – ein Widerspruch in sich?! verfolgt Oliver Zybok den Wandel des Begriffs Heimat entlang von Aspekten wie Landschaft und Naturverbundenheit in Abgrenzung zu einer zunehmenden Urbanisierung und Globalisierung im 21. Jahrhundert. Rosa Windt untersucht in ihrem Text Muttererde – Heimat im Material wie im Zuge der Digitalisierung korrelierend eine Sehnsucht nach Sinnlich- und Ursprünglichkeit aufkommt und dabei das Material Erde in Form von Keramik innerhalb einer jungen Künstler*innen-Generation an Relevanz gewinnt. In ihrem Beitrag Haunted Memories. Landscapes of the Mind stellt Anna Kipke im Kontext von Diasporaerfahrungen parallel aufkommende Bildverfahren im Werk von Erna Rosenstein und Aubrey Williams gegenüber und stellt dabei auch die Frage nach einer einseitigen Rezeption und Sammlungspräsentation. Der Aufsatz ‚Homeless at Home‘. Kritik der Dekolonisierung von Nelly Y. Pinkrah unterzieht den Begriff der Dekolonisierung einer kritischen Analyse und stellt dabei die Frage, inwiefern Institutionen so einen Prozess überhaupt definieren können oder sollten.

Im Hinblick auf das Heim oder die Heimstätte beschreibt Rob Wilson mit seinem Text Das neue Arts and Crafts. Eine Rückkehr zur Schwelle innerhalb der Architektur eine Rückbesinnung auf regionale und energiesparende Bauweisen als direkte Reaktion auf den Klimawandel und pandemische Erfahrungen. In dem letzten Beitrag Sphären des Privaten. Die Familie als heimatliches Konstrukt behandelt Oliver Zybok zentral, wie Familie und Freunde sowie das Öffentliche gegenüber dem Privaten Aspekte von Heimat definieren können.

Interviews mit der Künstlerin Ilana Harris-Babou, die individuelle Rassismus-Erfahrungen innerhalb einer westlichen Klassengesellschaft in Form von „dysfunktionalen Keramiken“ und Videoarbeiten thematisiert, ebenso wie ein Gespräch mit dem iranischen Künstler Peyman Rahimi, der in aufwendigen Installationen ein räumliches Gefühl von Flucht und Folter inszeniert sowie Interviews mit der malaysischen Künstlerin Mandy El Sayegh und dem ghanaischen Künstler Ibrahim Mahama vertiefen Aspekte von Heimat, und warum individuelle wie private Erfahrungen und Gefühle so oft von öffentlicher und politischer Relevanz sind.