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Titel: Heimat. Über ein ambivalentes Gefühl - 3 — Heimat im Alltäglichen · von Oliver Zybok · S. 102 - 115
Titel: Heimat. Über ein ambivalentes Gefühl - 3 — Heimat im Alltäglichen ,
Titel: Heimat. Über ein ambivalentes Gefühl - 3 — Heimat im Alltäglichen

Sphären des Privaten

Die Familie als heimatliches Konstrukt
von Oliver Zybok

In seinem Buch Heimat finden. Vom Leben in einer ungewissen Welt (2021) verdeutlicht der Philosoph Wilhelm Schmid (geb. 1953), dass Heimat heutzutage sehr individuell bestimmt ist. Sie kann Familie bedeuten, ebenso das geografisch Disparate und zeitlich Transitorische. Schmid schreibt von der „Unterwegsheimat“ der Seeleute und Kreuzfahrer, der „Begleitheimat“ von zwei Hand-in-Hand-Gehenden, der „Verweilheimat“ des in der Fremde auf einer Parkbank Sitzenden oder der „Markenheimat“ des einem Branding treu Bleibenden etc.1 Lektüre scheint der Begriff „Heimat“ unübersichtlicher als ohnehin. So stellt sich die Frage, ob man überhaupt von einer solchen sprechen sollte, wenn eine gewisse Verbundenheit ausgedrückt wird, oder ob nicht ein schlichtes „Zuhause“ ausreicht oder lediglich die Beschreibung einer „kurzen Gewohnheit“, die Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) immer wieder betont. Mit Heimat wird stets der Aspekt des Privaten, des Familiären angesprochen. Als übergeordneter Begriff steht er ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst für eine patriotische bis nationalistische Sichtweise, nach 1945 eher für ein romantisiertes, rückwärtsgewandtes Ideal, bis er sich bereits gegen Ende des 20. Jahrhunderts als sehr variabel und flexibel erweist, da Menschen freiwillig (Wohnortswechsel) oder gezwungenermaßen (Flucht) ihre heimischen Gefilde verlassen. Heimat und somit auch Familie, die heute Freundschaften selbstverständlich einschließt, bezieht sich also nicht mehr auf einen einzigen Ort, dem der Herkunft (Geburt), sondern weitet sich geografisch aus.2

„Ich habe mein Haus seit meiner Kindheit geliebt,“ schreibt die Soziologin und Menschenrechtsaktivistin Pınar Selek (geb. 1971) entsprechend. „Ich liebte das Gefühl, das mir dieses Haus gab. Ich liebte die…

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