Titel: Dialog mit dem Anderen , 1991

Klaus Herding

Kitaj: Weltkultur aus der Diaspora

»Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachenddahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylons, glaubt mirs!sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen in meinemHerzen, und gar des Nachts erschmettern darin alle Pauken und Zimbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der Weltqual, und es steigt emporder entsetzlich gellende Mummenschanz…«1

Ähnlich wie Heine hat Courbet seine Außenseiterstellung gegenüber der offiziellen Malerei des Second Empire2, ähnlich hat vor kurzem Kitaj seine Teilnahme an der Heineschen „Weltqual“ bekannt3 – durchaus im Sinne der Warburgschen Rede vom „Leidschatz der Menschheit“4, gelingt es Kitaj doch, selbst dem Holocaust, ohne dessen Grauen im geringsten zu verdrängen, Produktivität zu entlocken. Ein Leiden, das nicht verdrängt, sondern bearbeitet wird, kann offenbar zu künstlerischer Erkenntnis führen; Kitaj hat es – ähnlich wie Peter Weiss5 – zu einem neuen Dialog angespornt, „in der Hoffnung, sich selbst zu finden“.6

Wenn Kitaj nun meint, daß dieser Dialog, zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen Europa und Amerika, zwischen Nord und Süd, aus einer „Diaspora“ herausgeführt werden müsse7, zu der er sich selbst (von englischem Understatement nicht unberührt) rechnet, so greift er damit einen wesentlichen Zug der europäischen Avantgarde des 19. Jahrhunderts auf. Courbet z. B. hatte 1870, noch während der Belagerung von Paris durch die preußische Armee, an die deutschen Soldaten und an die deutschen Künstler offene Briefe gerichtet, in denen er als „Amerikaner von Frankreich“ die Vision einer europäischen Republik und einer europäischen Kultur vorschlug – mitten im Deutsch-Französischen Krieg.8 Kitaj propagiert, dem umfassenderen jüdischen Leiden gemäß, eine neue Vorstellung…

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