Magazin: Publikationen , 1995

Kultur und Imperialismus

Edward W. Said, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der New Yorker Columbia Uni, legt mit seinem neuen Buch »Kultur und Imperialismus« in der Folge seiner Untersuchung »Orientalismus« eine »kontrapunktische Leseweise« der Kolonialgeschichte vor: Einerseits weist er bei bekannten westlichen Autoren nicht nur des 19. Jahrhunderts imperialistische Züge nach, die sich aus der durch Folter und Versklavung vorgenommenen Domestizierung in rhetorische Figuren fortpflanzen; andererseits liest er die bisher wenig beachtete postkoloniale Literatur z.B. von Afrikanern wie Ngugi oder Tayib Salih.

Saids Schlüssel für seine These, »Die Kolonialterritorien sind das Unterpfand unbegrenzter Möglichkeiten, und sie haben immer mit dem realistischen Roman in Verbindung gestanden«, ist der historische, und er definiert Imperialismus als »die Praxis, die Theorie und die Verhaltensstile eines dominierenden großstädtischen Zentrums, das ein abgelegenes Territorium beherrscht«.

Said, der selbst in einer arabisch-christlichen Familie in Jerusalem geboren wurde, baut auf der von ihm konstatierten »neuen Bereitschaft zur Kolonisation« im Zuge von weltweiten amerikanischen und europäischen Interventionen auf, um ständig die Frage neu zu stellen, warum die kritischen Diskurse die postkoloniale Literatur nicht zur Kenntnis genommen haben, die im Widerstand zur Expansion der modernen westlichen Kulturen entstanden ist und bisher völlig vernachlässigt oder als marginal unterbewertet wurde.

Die Moderne bezog sich immer auf die Städte als Kulminationspunkte der Kultur, was durch Saids Perspektive: »die Metropole zieht ihre Autorität in bemerkenswertem Grade sowohl aus der Entwertung als auch aus der Ausbeutung der Kolonialbesitzungen«, den imperialistischen Rahmen des modernen Denkens verdeutlicht.

Eine solch umfassende und von einer hochspannenden entlarvenden Theorie untermauerte Untersuchung müßte für die Kunst…

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von Stefan Römer

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