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Titel: 53. Biennale Venedig · von Michael Hübl · S. 32 - 37
Titel: 53. Biennale Venedig , 2009

Michael Hübl
Langer Marsch zum grossen Bonsai

Was ist schlimmer als der Tod? Vielleicht: vergessen zu werden. Der Philosoph Vilém Flusser, der noch vor ein, zwei Jahrzehnten ausgiebig rezipiert wurde, wies mitunter darauf hin, dass sich nach jüdischem Denken das Ich erst durch die anderen konstituiert: Die anderen nehmen mich wahr, also bin ich. Oder auf die Zeit nach dem Ableben bezogen: Die anderen erinnern sich an mich, also existiere ich weiter. Zumindest in einem Punkt war diese Auffassung auch den Römern nicht fremd. Sie machten aus ihr ein Staatsprinzip. Wer sich an der Spitze des Imperiums nicht bewährte und sich als schädigend, als Feind erwiesen hatte, für den war als höchste Strafe die ‚damnatio memoriae‘ vorgesehen. Sein Name, seine Porträts, alles, was nur irgend auf ihn hindeutete, wurde aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt. Skulpturen wurden gestürzt, Inschriften zerschlagen, Münzen eingeschmolzen, Texte vernichtet, und wenn man die Verdammung – was oft genug vorkam – mit ökonomischem Pragmatismus anging, dann wurde ein Bildnis einfach umgemeißelt. Die Verfahren haben sich seit der Antike geändert, das Prinzip indes ist bekanntlich geblieben. Als Gestus der Sieger ereilt es Autokraten ebenso wie Gesellschaftssysteme. Oder Kunstereignisse.

„Biennale“ prangt jetzt als Namenszug über dem Eingang zum Hauptpavillon. 2007 stand da noch in hart geschnittenen Großbuchstaben „Italia“. Fast wie in der Ära der Schwarzhemden und ihres Duce Benito Mussolini, denn ähnlich wie der deutsche, so ist auch der italienische Pavillon in seiner Version aus den 1930er- Jahren in die Nachkriegsepoche übernommen worden, wobei im Falle Italiens das Innere des Gebäudes…


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