Titel: Das Gartenarchiv , 1999

Leo Schatzl

Erst, wer zu spüren anfängt, was Ernst Bloch das „Dunkel des gelebten Augenblicks“ nannte: das ungewöhnliche, staunenswerte und rätselhafte „Daß“ des bewußten Lebens, vermag umgekehrt den Reiz der Frage nach einer menschenleeren Welt zu empfinden. Wer weiß, ob die Dinge unserer Wahrnehmung bedürfen? Wer blickt schon hinter die Fassaden, deren Errichtung mit jedem Blick auf die Welt erzwungen wird?

Kant hielt das „Ding an sich“ für einen „Grenzbegriff“, während Bloch davon träumte, in den „Rücken der Dinge“ zu gelangen. „Es ist vielen von frühauf ein ungeheuerliches Gefühl, die Dinge nur zu sehen, während wir sie sehen. Es schlägt sechs Uhr und Knaben schlagen im Kursbuch nach: jetzt fährt ein Zug von Ulm ab, vielleicht tanzt eine Sklavin im Harem von Timbuktu; aber auch wo niemand ist, gibt alles vor zu sein und es funkeln Sterne über dem Polarkreis – funkeln sie wirklich und als Sterne? Glaubt man der abgewendeten Seite des Monds ihre Nacht und Steine, der Venus, daß hier mögliche Wälder unter riesigem Wasserdampf liegen? – obwohl man sie nicht sieht, nur die Analogie des hiesigen Ausschnitts hat, den man sieht, während man ihn sieht?“

Und was geschieht hinter geschlossenen Türen? Welches Spiel treiben die verbotenen Räume mit unseren Augen? Was zeigen die Kameras, die Leo Schatzl an jene Mauern und Zäune montiert hat, die seine Tabuzonen umschließen? Stürzt eine Welt ohne Menschen, ohne den schaffenden, trennenden und bezeichnenden Blick, ins ursprüngliche Chaos zurück – oder werden vielmehr im Zentrum des Unberührbaren die Energien einer neuen Art von Verweigerung generiert,…

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