Titel: Das Gartenarchiv , 1999

Luc Wolff

Überwachsen, nicht Überwältigen!“ lautet eine Lehre des Laotse. Wolff sucht die unverzichtbare Lücke, von der er weiß, daß sie ist und nur beharrlich übersehen wird. Er öffnet, indem er schlicht das Offene zeigt. Wenn der Künstler eine Grünfläche mittels Rasenrollen aus dem Gartencenter sauber in die Umgebung einfügt („Rasen“), so weckt dieser Eingriff Assoziationen an die Wiese irgendwo in freier Landschaft, an die Freifläche im Park oder auch an den Zierrasen zu Hause. Oder in bedrängender Dichte werden Baumschulenpflanzen auf einem Hof zusammengepfercht („an Stelle“), gegen die der leergebliebene Galerieraum nebenan als die überschaubare Lichtung hervortritt.

Es würde einem Mißverständnis gleichkommen, wollte man Luc Wolffs künstlerische Intention auf die eingleisige Strategie einer kritischen Gegenüberstellung von menschlicher Ordnung und freigelassener Natur reduzieren. Bei vorbehaltlosem Hinsehen ist gerade die Pointe der Arbeit „Rasen“ eine ganz andere. Erstaunlicherweise zeigt sich nämlich die Offenheit, die Leere des unbesetzten Raumes gerade an der Stelle, die eigentlich begrenzt und aus der freien Umgebung ausgespart blieb. Der auf keine eindimensionale Nutzung festgelegte, von durchrationalisierten Intentionen befreite und in diesem Sinn „ausgesetzte“ Ort, die funktionslose Lücke („Aussetzung“) im funktionsorientierten Kontext kommt zum Vorschein durch das gleichsam eingefriedete Rasenstück, nicht in der Undurchschaubarkeit der sich selbst überlassenen Natur. Beide Bereiche brauchen einander. Sie müssen miteinander vermittelt werden. Es geht nicht um die Elimination der Grenzen, sondern um den flexiblen, offenen Umgang mit ihnen.

Durch den behutsamen Eingriff in die ungehindert sich selbst formende Umgebung macht Wolff auf eklatante Weise deutlich, wie sehr die Offenheit der Wahrnehmung und des Raumes von…

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von Johannes Oberthür

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