Magazin: Publikationen · von Jochen Becker · S. 488
Magazin: Publikationen , 1999

Wie wir sie kannten

»Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt«

„Der lange Weg nach Mitte“ führt durch eine furchterregend enge Zaungasse. Am Ende wartet die Brandmauer eines Neubaus Modell Adlon. „Der Sound und die Stadt“ spiegelt sich in düstren Regenpfützen, Peitschenlampen, Metallröhren: Eine Atmosphäre zwischen Baustelle (Chaos) und Arbeitslager (Ordnung). Das für die KiWi-Reihe verwendete Titelfoto der Ostberliner Agentur Ostkreuz hat nicht mehr den Glamour frührerer Diedrich Diederichsen-Covers zwischen jugendlichem Sex (Larry Clarks Kids) und beherzter Politikaktion (Kanzler Kiesinger fängt eine Ohrfeige). Die „90er-Jahre-Triologie“ des „Poptheoretikers“ geht dunkel aus. Da ist kein schönes Nachtleben mehr; hier sieht es zum Jahrtausendwechsel richtig finster aus.

Der titelgebende lange Weg nach Mitte ist eine Collage aus dem RAF-Abgesang „Der lange Weg nach Derendorf“ der Düsseldorfer Postpunkband Mittagspause wie auch dem fortgesetzten Gang der 68er und ihrer Nachgeborenen durch die Institutionen. Deren Durchmarsch kommt nun als SPD-Kerngesellschaft in der Neue Mitte wie auch im Hauptstadt-Nukleus des ehemaligen Ostberlins zum Stehen. Die „Straße“ als mythischer Ort ihres Widerstands, wo also nach landläufigem Verständnis linkradikale Politik ausgefochten wurde, läßt sich allerdings nur mehr in Anführungsstrichen denken. Nun regieren hier Hundeführer auf 630-Mark-Basis, Befriedung durch Cappucino-Ausschank und ordnungsschaffende Räumfahrzeuge. Was tun, wenn die Wirklichkeit uns überholt und öffentliches Straßenland zum „gefährlichen Ort“ repressiver Kontrolle und gesellschaftlicher Normierung wird?

Für Diedrich Diederichsen stellt sich hier wiederum die Frage nach Glamour. Eine neue Politik wie die der ,Innenstadtaktionen‘ wäre durch Pop erst schön, weil so der Ausbruch aus dem Ideologie- und Begriffs-Gefängnis der „kulturellen und linksradikalen Politisierten“ gelänge: „In…

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