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Mit Höchstgeschwindigkeit in die Zukunft
von Ann-Katrin Günzel
1. Futuristisch (Utopie)
1909 haben die italienischen Futuristen, allen voran Filippo Tommaso Marinetti (1876 – 1944), der das Gründungsmanifest der Bewegung am 20.02.1909 in der Pariser Tageszeitung Le Figaro publizierte [01], in lautstarken Forderungen eine allumfassende, um nicht zu sagen, eine geradezu das All umspannende Utopie entworfen, deren Gehalt uns heute, nachdem gut 100 Jahre später alles erfüllt, eingelöst und übertroffen wurde, was man sich damals wünschte, bisweilen erschüttert verstummen lässt. Der Futurismus gründete sich auf der Grundlage eines ungezügelten Fortschrittsoptimismus, der sich in der Verherrlichung von Geschwindigkeit, Simultaneität, Dynamik und Gewalt äußerte und neben der Rekonstruktion des gesamten Universums die Kreation eines neuen Menschen als eine Mensch-Maschine zum Ziel hatte.1
Eines der maßgeblichen Wahrzeichen und Symbol für den sprichwörtlichen Fort-Schritt war das Auto – in ihm sah Marinetti sich 1909 in eine glanzvolle (italienische) Zukunft rasen, in der alle Bereiche des Lebens und der Kunst durch technische Entwicklungen optimiert sein würden [02 /03]. In der Übernahme und Mitgestaltung der dröhnenden, schnelllebigen Errungenschaften der industrialisierten Moderne erkannten die Futuristen eine Möglichkeit, aus der rückwärtsgerichteten Bedeutungslosigkeit Italiens heraus- und direkt ins Weltgeschehen einzutreten.
Wir erklären, dass die Welt sich um eine neue Schönheit bereichert hat: um die Schönheit der Geschwindigkeit. […] ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. — F. T. Marinetti, Gründungsmanifest des Futurismus 1909
Geschwindigkeit war dabei die oberste Maxime, ihr hatten sich alle Bereiche zu unterwerfen, mit ihr sollte in einem revolutionären Tempo die Zukunft erreicht werden. Neben dem Automobil waren neue Transportmittel wie Eisenbahn und Flugzeug für das Erreichen ferner gelegener Ziele entwickelt worden, doch auch die ersten Massenmedien, das Radio, die Telegrafie und nicht zuletzt die Tageszeitung, „Synthese eines Tages der Welt“, wie Marinetti sie nannte, dienten dazu, den Menschen in kürzester Zeit in die Welt und die Welt zu den Menschen zu tragen. Man konnte jetzt vergleichsweise mühelos von der staubigen Provinz in die funkelnde Großstadt reisen und gleichzeitig war es auf einmal möglich, Nachrichten aus fernen Gegenden zu erhalten, von denen man vorher noch nie etwas gehört hatte – erstmals empfand man das Gefühl, dass die Welt kleiner wurde, ein greifbarer Raum, den es für die Futuristen zu erobern galt. Der Einfluss, den diese Neuerungen auf die Psyche der Menschen ausübte, war immens: die Wahrnehmung des Weltgeschehens führte zu einer (beginnenden) Instabilität, Raum und Zeit wie man sie kannte, lösten sich auf. Durch die Geschwindigkeit wurden die Eindrücke fragmentarisch, Brüche und Diskontinuität waren von nun an der Tagesordnung. Unter dem Einfluss von Henri Bergsons Theorie der Durée sahen die Futuristen den Moment als eine Überlagerung sich überschneidender, gleichzeitig stattfindender Ereignisse, die Simultaneität der Geschehnisse wurde gefeiert und sollte auch in der Kunst reflektiert werden. Bildhaft setzten sie das in Kraftlinien und bruchstückhaften Ausschnitten, Bewegungsstudien und Dynamik um [04]. Auf der Bühne wurde der Alltag grotesk und glamourös inszeniert, in der Musik und der Literatur kam vor allem eine verkürzte, den Geräuschen der modernen Großstadt entnommene Sprache zu Wort, die nicht selten kämpferisch war und außerordentlich provozierte. „Wir wollen die aggressive Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag preisen. […] Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt“ heißt es zunächst im Gründungsmanifest, und weiter: „Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein.“2
Die Futuristen wollten Italien von den passatistischen (d. h. rückwärtsgerichteten) Akademien, Museen und Bibliotheken befreien und dasselbe galt für die Kunst – mit der Erneuerung derselben mussten die alten Kulturschätze Italiens weichen. „Ein altes Bild bewundern“ so Marinetti im Gründungs manifest, „heißt unsere Sensibilität in eine Ascheurne schütten, anstatt sie weit und kräftig ausstrahlen zu lassen in Schöpfung und Tat. […] Wir wollen von der Vergangenheit nichts wissen, wir jungen und starken Futuristen!“ Diese Fortschrittsideologie implizierte auch schon die eigenen Nachfolger, denn der neue Mensch war zwar als Maschinenwesen geplant, um das Alter und schließlich den Tod zu überwinden, die endlose biologische Funktionsfähigkeit war aber noch in weiter Ferne, daher heißt es „Wenn wir vierzig sind, mögen andere, jüngere und tüchtigere Männer uns ruhig wie nutzlose Manuskripte in den Papierkorb werfen. Wir wünschen es so!“ [05]3
Hier vereinen sich in einer aggressiven Fortschrittsrhetorik nicht nur die Verherrlichung von Krieg und Gewalt, die letztendlich den futuristischen Elan in den Faschismus Mussolinis gelenkt haben, es zeigt sich auch, einer binären Argumentationslogik folgend, das augenfällig patriarchal organisierte System und damit einhergehend die Verachtung der Frau. In diesem Rollenmodell waren (und das nicht nur im Futurismus) dem lauten männlichen Aktionismus die passiven weibliche Tugenden der Stille und Untätigkeit gegenübergestellt, die Frau war für den dynamisch lärmenden Marinetti damit die Antithese von Energie, technischem Fortschritt und Geschwindigkeitsrausch. In einer solch abgrenzenden Gegenüberstellung zeigt sich besonders deutlich, dass der „neue Mensch“ einer festgelegten Struktur zu folgen hatte und Fortschritt synonym für gesteigerte Maskulinität verstanden wurde, indem als typisch männlich erachtete Eigenschaften wie Kraft, Kampfgeist, Abenteuerlust, Aggression und Dominanz verherrlicht und potenziert werden sollten.
Marinettis Urenkel gehen auf die Straße, um dem verschwenderischen Geschehen Einhalt zu gebieten.
Waren die Folgen einer rücksichtslosen Industrialisierung damals auch nicht in Gänze abzusehen, so war es dennoch bereits erklärte futuristische Absicht, bezogen auf unseren Lebensraum an einen ähnlich desaströsen Punkt wie heute zu gelangen. In eindrucksvollen Worten bringt Boccioni diese futuristische Zielsetzung 1910 auf den Punkt: „Wir können nicht ohne Abscheu und Bedauern daran denken, daß Vereine zur Erhaltung der Landschaft existieren. […] Ist diese Verwüstung, die der Mensch unter dem Antrieb der Forschung und des Schaffens verursacht, indem er Straßen baut, Seen zuschüttet, Inseln überflutet, Dämme errichtet, einebnet, spaltet, aushöhlt, durchstößt und aufrichtet im Namen dieser göttlichen Unruhe, die uns in die Zukunft befördert, nicht unendlich erhaben? […] Überall bieten sich mögliche Landschaften: im Marmor der Paläste, im geschliffenen Zement der Häuser, im Asphalt der Straßen […] Das Zeitalter der großen mechanischen Individualität hat begonnen, und alles andere ist Paläontologie!“4
2. post-futuristisch (Dystopie)
Inzwischen, 111 Jahre später, sind wir in der von Marinetti angesteuerten Zukunft angekommen und die Utopie eines unbegrenzten Wachstums hat ihr Ende erreicht. Der Fortschritt hat eine dermaßen rasante Dynamik angenommen, dass er geradezu aus der Bahn geschleudert wurde und zu einer Klimakatastrophe beigetragen hat, die eine post-futuristische Generation junger Menschen auf die Straßen bringt, welche um ihre und die Zukunft der Menschheit generell bangt, da sie nicht in den aufbruchsphantastischen Utopien optimistisch-futuristischer Stadtplanungen, sondern in Städten lebt, in denen die Bevölkerungsdichte explodiert, städtischer Wohnraum (bald) nicht mehr bezahlbar ist und noch dazu in einer zunehmend unbewohnbaren Welt liegt, in der die Ressourcen knapp werden. Ihre Zukunftsbilder sind daher dystopisch und nicht mehr utopisch geprägt. [06] „Wenn die Drohung von Zerfall und Untergang berechenbar wird, dann ist Hoffnung keine Option mehr“, hat Hans Ulrich Reck festgestellt und damit auf den Punkt gebracht, was die post-Futuristen antreibt.5 Diese junge Generation macht die aus der Zukunftsgläubigkeit hervorgehende Ressourcenverschwendung einer im Wirtschaftswachstum und dem Glauben an endlose Steigerungsfähigkeit von Kapitalismus und Konsum aufgewachsenen Generation von Politikern dafür verantwortlich, dass immer weiter geflogen, endlos viele und immer größere Autos produziert (und gefahren), massenhaft fossile Energieträger verbrannt, Wälder abgeholzt und industrialisierte Landwirtschaft betrieben werden, um Energie zu erzeugen, ökonomische Gewinne zu maximieren und weiterhin bequem zu leben, obwohl bereits die Eisberge schmelzen und die Ozeane vermüllt sowie Dürren, Starkregen und Überflutungen an der Tagesordnung sind. Marinettis Urenkel gehen auf die Straße, um diesem verschwenderischen Geschehen Einhalt zu gebieten. Nicht nur die Fridays-for-Future-Bewegung setzt dem Fortschrittsglauben im Sine eines permanenten ökonomischen Wachstums inzwischen global aktiv etwas entgegen, mit „Extinction Rebellion“ hat sich im Oktober 2018 in Großbritannien eine radikale(re) Umweltschutzbewegung gegründet und innerhalb kürzester Zeit international organisiert, um zum „disruptiven zivilen Ungehorsam“ aufzurufen und Bewegungen wie „Birthstrike“, gegründet 2019 von der britischen Sängerin Blythe Pepino, machen durch die Verweigerung auf Nachwuchszeugung darauf aufmerksam, dass sie in diese zukunftslose Welt kein Kind mehr setzen wollen.
Entschleunigung und Achtsamkeit sind zwar bei vielen Menschen schon seit Jahren Schlagworte von Lebenskonzepten, um der Hektik, dem Fortschrittsdenken und dem Leistungsdruck der heutigen Berufswelt sowie dem nicht minder ausbeuterischen Effizienzstreben im Alltag bewusst etwas entgegenzusetzen, doch bezieht sich das im Allgemeinen eher auf das Privatleben und das eigene Wohlbefinden. Erst gezwungen durch die Drastik der Jugend, die sich nicht beirren lässt, folgt ein langsames, wahrhaft entschleunigtes Aufwachen, und eine Sensibilisierung für die Belastung der Ökosysteme. Auch wenn es vor allem in der internationalen Politik noch versucht wird, ernsthaft sind die Auswirkungen unseres jahrzehntelangen Raubbaus an der Umwelt nicht zu leugnen. Schon 1972 haben Wissenschaftler darauf hingewiesen, damals hat der Club of Rome seinen Klimabericht „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht, in welchem das inzwischen eingetretene apokalyptische Szenario bereits präzise beschrieben wurde, doch ernsthafte Konsequenzen sind daraus (bisher) nicht entstanden. Die Gesellschaft, und damit ist primär unsere reiche westliche Industrie-Gesellschaft gemeint, hat darauf nicht reagiert. Sie hat weitergemacht, als wären keine Warnungen ausgesprochen worden. Erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts schwant uns, dass wir möglicherweise hochgradig über die Welt-Verhältnisse gelebt haben und spätestens mit dem Auftreten von Greta Thunberg hat dieser Missstand auch eine beharrliche Stimme bekommen.
2.1. Das Ende des Wachstums im Anthropozän
Seit Anfang dieses Jahrtausends gibt es einen offiziellen Begriff für das Zeitalter des menschengemachten Klimawandels, für das Artensterben, das Ende natürlicher Ressourcen, Bodenerosion, Eisschmelze, Überflutungen, Plastikmüll in den Weltmeeren, Überfischung, landwirtschaftliche Monokulturen und erhöhte CO2-Emissionen, aber auch Bevölkerungswachstum und die Folgeeffekte der Kernkraftnutzung – all diese menschlichen Einflussfaktoren auf die geologischen, atmosphärischen und biologischen Prozesse der Erde haben zu einer Benennung unseres geologischen Zeitalters als „Anthropozän“ geführt. Der niederländische Chemiker, Atmosphärenforscher und Nobelpreisträger Paul Crutzen und der Biologe Eugene Stoermer, die den Begriff um das Jahr 2000 in die Debatte eingebracht haben, weil „die globalen Effekte menschlicher Aktivitäten deutlich wahrnehmbar geworden sind“, leiten aus der Tatsache, dass die Menschheit zum geologischen Faktor geworden ist, auch die Verantwortung ab, die der Mensch in der Konsequenz für seine Handlungen übernehmen kann und muss. Kritiker des Begriffs wenden nicht zu Unrecht ein, dass er es den eigentlich Verantwortlichen und Verursachern, nämlich den im Vergleich zur Gesamtbevölkerung wenigen machtvollen Akteuren und Organisationen des kapitalistischen Westens, ermögliche, sich hinter „dem Menschen“ allgemein als Urheber verbergen zu können, weswegen inzwischen auch zahlreiche alternative Begriffe wie z. B. Kapitalozän, Post-Futurismus (F. Berardi), Post-Wachstumsgesellschaft (N. Paech) oder Chthuluzän (D. Haraway) entwickelt worden sind, die, mit unterschiedlichem Fokus, alle das Ende des scheinbar grenzenlosen Fortschritts und die damit einhergehende Notwendigkeit eines Umdenkens und einer Neuausrichtung proklamieren. Während Franco Berardi „Erschöpfung“ als das neue „Schlüsselwort für den nächsten Aufstand, der auf Rückzug und der Weigerung fußen wird, der Maschine Leben einzuhauchen“, als beachtenswert erkennt6 betont die Biologin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway vor allem den Missstand, dass all die nichtmenschlichen biodiversen Kräfte in der aktuellen Diskussion ausgeklammert werden, die zu einem Neuanfang notwendig sind, der nur aus einem artenübergreifenden Miteinander entstehen kann und sagt: „Wir brauchen eine andere Figur, tausend Namen für etwas anderes, um aus dem Anthropozän in eine andere Erzählung, die gerade groß genug ist, zu entkommen. […] Vielleicht kann Medusa, die einzige Sterbliche der Gorgonen, uns in die Holobiome von Terrapolis bringen und unsere Chancen verbessern, die Schiffe der Helden des 21. Jahrhunderts auf lebendigen Korallenriffen zu zerschmettern, anstatt ihnen zu erlauben, auch noch den letzten Tropfen fossilen Fleisches aus totem Gestein zu saugen. […]“7
Ausgelaugt und überfordert sind Mensch und Natur in einem Erschöpfungszustand angekommen.
Wurde für diesen Band der Terminus post-futuristisch von Franco Berardi aufgenommen, so ist das nicht zuletzt dadurch begründet, dass der mit dem Ende des Fortschritts und des ökonomischen Wachstums als zutreffend verstandene Begriff der „Erschöpfung“ verwendet werden soll, der sich auf die natürlichen Ressourcen ebenso wie auf den vor allem psychischem Zustand großer Teile der (Indus-trie-)Gesellschaft anwenden lässt. (vgl. hierzu auch den Beitrag von Franco Berardi in diesem Band) Ausgelaugt und überfordert sind Mensch und Natur in einem Erschöpfungszustand angekommen, der mindestens eine Akzeptanz, besser eine Reflexion oder am besten eine Suche nach Alternativen erfordert. Im Bereich der Kunst, die den Zustand vor allem reflektiert, kann man erkennen, dass den futuristischen Utopien von einer besseren Welt in nahezu allen den von den Futuristen anvisierten Bereichen der Erneuerung Resultate der Leere, des An- und Innehaltens oder des Stillstands und der Überforderung entgegenstellt werden, die zu Widerstand, Auflösung oder Rückzug in gegenteilige Konzepte tendieren.
2.2. geology of mankind
Biotechnologische Eingriff(smöglichkeiten), genetic oder climate engeneering8 verstärken zunächst den Glauben daran, „der Mensch als Krone der Schöpfung“ könne im Sinne des Anthropozäns in jede beliebige Richtung eingreifen und Prozesse jeder Zeit stoppen oder gar entstandenen Schaden wieder rückgängig machen. Diese von Hybris gespeiste Annahme bleibt jedoch höchst fragwürdig, wobei das endgültige Resultat gegebenenfalls leider erst sicht- und spürbar werden wird, wenn es zu spät ist.
Menschliche Eingriffe in die Natur und die daraus resultierenden Veränderungen der Umwelt sind natürlich keine Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts, sondern bereits seit dem Einsetzen der Industrialisierung um 1800 bekannt, so dass auch hier schon in der Forschung eine erste Phase des Anthropozäns im Sinne einer „geology of mankind“ (Crutzen / Stoermer)9 angesetzt wird. Erhöhung der CO2 Werte, Versiegelung von Natur und Ausbeutung der Meere durch Überfischung waren zu dem Zeitpunkt, als Marinetti den Futurismus ins Leben gerufen hat nicht unbekannt, wurden aber in seiner Begeisterung für die Errungenschaften der Industrialisierung nicht in Betracht gezogen. Sein Interesse galt ausschließlich den technischen Neuerungen und den zahlreichen Entdeckungen, die den Alltag und die Lebensrealität als Moderne neu gestaltet haben, und diese wurden als Fortschrittserfolge gefeiert; das betraf neue, schnelle Transport- und Kommunikationsmittel, aber auch Erfindungen wie die der Glühbirne 1914 durch Edison, der damit den Tag-Nacht-Rhythmus aufgebhoben und die Schichtarbeit eingeführt hat, so dass die Produktivität gesteigert werden konnte und der pausenlosen Beschäftigung nichts mehr im Wege stand. Mit ihrer frenetischen Begeisterung für permanentes Wachstum und fiebrige Schlaflosigkeit waren die Futuristen damals nicht allein, Edison selber konstatierte, dass „sleep is an absurdity, a bad habit. […] Nothing in this world is more dangerous to the efficiency of humanity than too much sleep.“10
Paul Crutzen und der Klimawissenschaftler William Steffens haben 2011 den durch die Industrialisierung in Gang gesetzten Klimawandel in drei Phasen eingeteilt: die erste Phase geht dabei bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und betrifft bereits die Ausbeutung der Naturressourcen, die zweite Phase, die danach einsetzt und auch als die „Great Acceleration“ bezeichnet wird, betrifft vor allem den rasanten Bevölkerungszuwachs der Welt, die Versiegelung des natürlichen Bodens durch das Entstehen von Megastädten und die Entwicklung einer exzessiven Konsumgesellschaft.11 brauch und den Einsatz von Düngemitteln nennen sie neben der radioaktiven Verseuchung aufgrund von Atomwaffentests als Indikatoren für diese Phase. Sowohl Crutzen&Stoermer (2000), als auch Steffen (2011)12 gehen davon aus, dass jetzt gerade eine dritte Phase einsetze, nämlich die eines zunehmenden Bewusstseins hinsichtlich der Folgen menschlicher Eingriffe in das Ökosystem sowie Versuche von Global Governance, die Gesellschaft-Umweltbeziehungen steuernd zu gestalten.13 Während das Genre des Sci-ence-Fiction seit Jahrzehnten in Literatur und Film die Apokalypse als drohende Katastrophe für ein breites Publikum zum Thema macht und seit den späten 1980er Jahren an Stelle des Totalitarismus gerade auch „das Gespenst der ökologischen Katastrophe“14 zunehmend zur neuen Dystopie erklärt (vgl. auch den Beitrag von Vivian Sobchack in diesem Band), so ist eine ernsthafte Reflexion des Themas in der zeitgenössischen Kunst erst seit der Jahrtausendwende und verstärkt in den letzten Jahren zu beobachten. Die Ausstellung „Weltuntergang – Ende ohne Ende“ im Berner Naturkundemuseum vereint seit 2017 und noch bis 2022 verschiedene naturwissenschaftliche und künstlerische Positionen zu diesem alten und gleichzeitig brandaktuellen Thema. Dabei werden bewusst Aspekte zwischen Angst und Faszination aufgegriffen, die dem / r Betrachter*in eigene Vorstellungen ermöglichen. Von Naturkatastrophen über Massensterben und persönliche Schicksalsschläge hin zu einem offenen Ende, das über die Dauer der 5 Jahre immer wieder neu von anderen Künstlern entworfen wird, reicht das Spektrum der Präsentationen. Im vergangenen Jahr, 2019, wurden in unterschiedlichen Ausstellungskonzeptionen diese Themen weitreichend sichtbar. So war auf der Biennale von Venedig mit dem hoffnungsvollen Titel „May you live in interesting times“ in einer auffällig großen Anzahl der Werke der Gedanke der zunehmend bedrohten, ausgebeuteten, zukunftslos-dystopischen Umwelt zu erkennen; die von Hans Ulrich Obrist kuratierte Ausstellung „It’s Urgent – Part II“ griff in Zürich Fragen von Ökologie, Ungleichheit, Zusammengehörigkeit und einer gemeinsamen Zukunft auf, während die Auseinandersetzung des Menschen mit der Technik und die daraus resultierenden Veränderungen unserer „Natur“ und / oder Individualität in Ausstellungen wie „Der montierte Mensch“ (Folkwang Museum, Essen) oder in dem Festival „Bodies in Trouble“ (PACT Zollverein, s. hierzu auch das Interview mit Fabian Saavedra-Lara in diesem Band) aufgenommen und kritisch diskutiert wurden. Die zunehmende Erschöpfung und das Bedürfnis nach Schlaf wurde hingegen in Ausstellungen wie der von Ruth Noack kuratierten Show „Sleeping with a Vengeance, Dreaming of a life“ im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart oder in „24 / 7 A Wake-Up Call for our Non-Stop World“ im Londoner Somerset House als Frage nach unserer Fähigkeit, abzuschalten, zur Diskussion gestellt. Wenn all diese Themen via Kunst in die Gesellschaft getragen werden, dann kommt unweigerlich auch die Frage nach der Reflexion und dem Bewusstsein der Institutionen und Kurator*innen hinsichtlich ihrer eigenen Verantwortung für die Folgen menschlicher Eingriffe in das ökologische Gleichgewicht auf, – denn wie umweltfreundlich arbeitet eine Kunst-Institution? Wie viele Flüge werden jährlich zu Eröffnungen, Biennalen und Messen in der Kunstszene unternommen, um vor Ort dann aktuelle künstlerische Positionen zum Klimawandel zu loben? Wie oft wird Kleidung für den einmaligen Anlass gekauft, wie verschwenderisch muss gespeist und gelebt werden, um den gerade kritisierten Lebensstil optimal zu verkörpern? Hans Ulrich Obrist (* 1968), international tätiger Kurator und Leiter der Londoner Serpentine Galleries, energetisch eigentlich ein Marinetti 2.0, der im Dauereinsatz an seine Grenzen geht, hat Anfang Februar dieses Jahres in „The Art Newspaper“ erklärt, dass er selbst seine Flugreisen jetzt deutlich reduzieren werde und die von ihm geleiteten Institutionen ab sofort – zumindest ein Jahr lang – „grün“ werden sollen. Das bedeutet, dass Programm, Infrastruktur und Netzwerke der Einrichtung ökologischen Ansprüchen gerecht werden sollen. Die Serpentine Galleries haben sogar eine Kuratorin für ökologische Fragen, Lucia Pietroiusti, die übrigens auch den litauischen Pavillon der Biennale in Venedig 2019 kuratiert hat und deren Fokus darauf liegt, zu erforschen, wie Kunst in Zeiten des Klimawandels gesehen, produziert und diskutiert wird.
2.3. post-futuristische Kunst
Es sind Aspekte des Aussterbens und Verschwindens, die heute in der Kunst dem Aufbau und der Entwicklung des technischen Fortschritts vom Anfang des 20. Jahrhunderts entgegenstehen, der Stillstand, der einer rastlosen Beschleunigung folgt, die Erschöpfung, die eine scheinbar unerschöpfliche Energie begleitet. Der Freude über die Simultaneität der Ereignisse folgt die Kritik am Diktat der Gleichzeitigkeit im Zeitalter der Globalisierung, die vor allem eins bedeutet: Wettbewerb und Effizienzstreben im Sinne einer zerstörerischen Selbstökonomisierung. Praktiken wie Widerstand, Verweigerung, Nichtstun, Passivität und Stille werden eingesetzt, um sich dem bedrohlichen System entgegen zu stellen. Sprache wird über Zeichensysteme, Algorithmen und Protest als Störung und / oder flirrendes Sichtbarmachen unserer verkürzten, verfälschten, oftmals einseitigen Kommunikation eingesetzt und Körper stellen sich sprichwörtlich in den Weg oder werden zu Zeichen unserer kapitalistischen Gewalt, die ausbeutet, formt und ebenso skrupel- wie grenzenlos optimiert.
2.3.1. Geschwindigkeit: Begeisterung, Beschleunigung, Erschöpfung
Erschöpfung ist das Resultat der mittlerweile nicht mehr oder kaum noch zu kontrollierenden Beschleunigung unserer Lebenswelt. Hektik und Betriebsamkeit der modernen, neu erwachenden Großstädte wurden von den Futuristen als wunderbares Gewimmel empfunden. Heute impliziert Beschleunigung nicht nur schnell verfallende Technik, fast-food und fast-fashion, die unseren Alltag bestimmen, sondern auch speed-dating, speed learning und speed reading. Transport, Produktion und Konsum müssen schnell gehen. Schlaf ist einem power-nap gewichen, CEO Reed Hastings sieht ihn gar als den größten Konkurrenten von Netflix – „Sleep is my greatest enemy“ lautete seine Twitter Meldung im April 2017. „Sei kein Träumer!“ rät auch die Karrierebibel.de, nur allzu oft wird der Begriff mit Phlegmatiker gleichgesetzt. Ausruhen, Faulsein und Schlafen gehören da schon zu den widerständigen Praktiken, denn sie stehen der Alltagseffizienz und dem Produktionsdruck, dem wiederum der Konsumzwang folgt, entgegen, und werden in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft verachtet, was sich sprachlich überaus deutlich in dem mit Geringschätzung konnotierten Begriff „Penner“ manifestiert. Die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic hat dazu 2019 das Buch „Du hast es wahrscheinlich zuvor noch nie bemerkt“ herausgegeben, in dem sie Fotografien von Parkbänken gesammelt hat, auf denen man kurz sitzen, aber keinesfalls lange verweilen oder gar schlafen kann, da sie als „defensive Architektur“ verhindern, dass Obdachlose und / oder andere Konsumverweigerer dort Ruhe finden. [07] Tatsächlich muss man nur einmal darauf achten und wird schnell feststellen, wie in unseren spärlich mit konsumfreien Zonen bestückten Innenstädten Zäune, Gitter, Dornen und Schrägen verteilt werden, um den öffentlichen Raum neoliberal zu kontrollieren und keine Ruhepausen zuzulassen. Den futuristischen „Genuß“ (an) der Geschwindigkeit können wir uns bei Hektik, Lärm, Verkehrschaos und ständigem Stress zwar kaum mehr vorstellen und reagieren nicht selten überfordert, trotzdem wird alles immer schneller, so als hätten wir keine andere Wahl. Vor allem im Automobilismus scheint der Beschleunigungswahn all seiner Fragwürdigkeit zum Trotz ungebremst und weiterhin steigerungsfähig. Googelt man „Geschwindigkeit“ meldet der Algorithmus als erstes den deutschen Bußgeldkatalog und während der Recherchen zu diesem Band jagten nicht nur zahlreiche offenbar im Geschwindigkeitsrausch völlig vernebelte Gemüter in gnadenlos überhöhtem Tempo über Autobahnen und durch Innenstädte, auch Jessi Combs, die schnellste Frau der Welt, raste bei dem Versuch, sich selbst zu überholen und einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen in ihrem jetgetriebenen Rennwagen geradewegs in den Tod.15
Der Autounfall, der bei Marinetti im Gründungsmanifest noch als ein positives Ereignis verankert war, aus dem er lachend und „schlammgestärkt“ hervorgegangen ist16, wird bei Virilio zum „Schiffbruch der Geschwindigkeit“.17 Hier manifestiert sich 100 Jahre später der Kontrollverlust, der den Verlust nicht nur der Freiheit, sondern auch der (vorgegaukelten) Selbstbestimmung bedeutet.18 Die Faszination, die dennoch auch heute noch von Autounfällen ausgeht, zeigt sich in der ungebremsten Häufigkeit ihres Auftretens in Actionfilmen und der erschreckenden Unsitte, sich bei der Raserei auch noch mit der Dashcam zu filmen – was bisweilen die Aufnahme des eigenen Unfalltodes oder anderer Opfer mit einschließt. Der amerikanische Künstler Jonathan Schipper hat in seinen Arbeiten durch die extreme Verlangsamung des Unfalls die Deformation und damit auch die mit der Geschwindigkeit einhergehende (Lebens-)Gefahr verbildlicht, die als Nervenreiz Antrieb sein mag, aber nicht selten – alle 13 Sekunden ereignet sich laut statistischem Bundesamt ein Verkehrsunfall in Deutschland – schon die zukünftige Katastrophe in sich birgt. [08] Über den Zeitraum von 6 Tagen schieben sich in „The slow inevitable death of american muscle“ zwei Automobilkarossen ineinander, so langsam, dass ihre Bewegung für den Betrachter zunächst unsichtbar bleibt, ähnlich wie bei einem realen Unfall, wo umgekehrt durch die Beschleunigung die Deformation in nichtsichtbaren Sekundenbruchteilen geschieht.
Durch die permanente Beschleunigung und die Verweigerung des Innehaltens wird ein „Futurismus des Augenblicks“ erzeugt.
Zahlreiche Theoretiker, Philosophen und Soziologen beschäftigen sich seit Jahren mit dem Phänomen der Geschwindigkeit und ihren Folgen. Paul Virilio, der als Begründer der Dromologie wohl der bekannteste Forscher des Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Geschwindigkeit war, konstatierte bereits 1990 den „rasenden Stillstand“ als Ergebnis der ungebremsten Beschleunigung, ein auf-der-Stelletreten, das mit einem festgefahrenen System vergleichbar ist und seiner Meinung nach Kennzeichen einer Gesellschaft, die an der eigenen Auslöschung arbeitet. Durch die permanente Beschleunigung und die Verweigerung des Innehaltens werde ein „Futurismus des Augenblicks“ erzeugt, schrieb er einige Jahre später, eine Zeitlosigkeit, deren Momente nicht mehr bewohnbar seien.19 Der Soziologe Hartmut Rosa sieht im Beschleunigungsdruck der Moderne, der sog. „Akzelerationsdynamik“ einen säkulären Ewigkeitsersatz, hinter dem der Kapitalismus steht, der Zeit in Geld verwandelt und so Wachstums- und Beschleunigungszwang ineinander greifen lässt.20 Kann selbst der beschleunigte Konsum nicht mehr mit dem atemberaubenden Tempo der Produktion mithalten, so läuft der Fortschritt ins Leere. Die moderne Utopie eines unbegrenzten Wachstums hat ihr Ende erreicht, konstatiert Franco Berardi.21
Byung-Chul Han nennt den Zustand in dem wir uns befinden den einer „Müdigkeitsgesellschaft“22, Niko Paech rät zu einer „Postwachstumsökonomie“23, um nicht nur die ökologischen Schäden, sondern auch die psychische Überforderung der Protagonisten einzudämmen. Dazu müsste allerdings ein Verzicht greifen, der unser komplettes gesellschaftliches Konzept, das auf weiteren Konsum ausgerichtet ist, auf den Kopf stellen würde und daher (momentan) kaum als realistisch zu betrachten ist.
Antworten auf Beschleunigung manifestieren sich in der Kunst u.a. durch zeitliche Überdehnung, die Betonung von Dauer oder die Verweigerung durch Ruhe, Stillstand, Faulheit und Nichts-Tun, wie sie in zahlreichen Performances der letzten Jahre zu erfahren waren. So kennzeichnen zeitliche (Aus)Dauer und Stille die Performances von Maria Hassabi. Sie setzt Verzögerung und fast statuarische Bewegungslosigkeit in ihren langsamen, gedehnten Choreografien ein, die u. a. auf der documenta 2017 in Kassel zu sehen waren, wo sie mit „Staging“ Bilder von bis zur Reglosigkeit verharrender Körper auf einem grell pinken Teppichboden gezeigt hat. [09] Wie ein Zeichen des Stillstands liegen die Körper der Performer*innen zum Teil auch mitten im Weg, blockieren Transitbereiche, wie Treppenhäuser oder Eingangshallen, die schnell durchquert werden, ohne dass dort dem Raum, den Menschen, den eigenen Schritten oder der Existenz der anderen normalerweise weitere Beachtung geschenkt würde. Verlangsamung und intensive Wahrnehmung waren auch markante und beherrschende Merkmale von Anne Imhofs 5 stündiger Performance „Faust“, die 2017 auf der Biennale in Venedig den goldenen Löwen gewann. Die langsame Entfaltung der Bewegungen gaben Raum für Beziehungen und ermöglichten die Wahrnehmung von Details, die normalerweise in der Schnelllebigkeit des Alltags übersehen werden. Die Künstlerin zeichnete mit der Choreographie schleppender Bewegungen, die zwischen träge und getragen pendelten, ein faszinierendes Bild von Kampf und Einsamkeit, Macht und Ohnmacht, Kontrolle und Freiheit inmitten einer sich ständig und schnell verändernden Gegenwart, indem sie die zarte und einzigartige Körperlichkeit sowie Blicke und Beziehungen von Individuen in der Gruppe einsetzte, um einen Widerstand gegen die Kapitalisierung des Körpers zu inszenieren. [10] Auch durch bewusst geschaffene Räume, in denen ein Aussetzen und Stille möglich werden, wie in der Arbeit „Tempus fugit“ (2017) des Künstlers Oliver Gather, [11] kann Stillstand zeitgenössischem Stress und Effizienzstreben antworten. In dem Hörstück werden 30 Minuten lang Zeitansagen, wie man sie aus Stauberichten kennt, aufgezählt. In der Ansage ist von Zeitverlust die Rede: Zeitverlust etwa 10 Minuten, Zeitverlust mehr als 10 Minuten, 5 Minuten Zeitverlust usw. Tatsächlich aber kann man Zeit nicht verlieren, man kann sie nur sinnlos oder aber sinnvoll verbringen, selbst im Stau auf der Autobahn, oder gerade im Stau auf der Autobahn, wenn man sich dazu entschließt, sich auf die Lebenszeit, die man jetzt gerade verbringt, einzulassen und ihr nicht ständig zu entfliehen.
2.3.2. Körper: Maschinen, Prothesen und KI
Begegnet man dem Beschleunigungsdruck mit Wellness und Achtsamkeit so dient das in der Regel lediglich dazu, weitere Kräfte für neue Leistung zu generieren, damit wird aber das effizienzorientierte System an sich gestützt und nicht unterlaufen oder gar verändert. Versucht man, sich den herrschenden Lebensbedingungen anzupassen, so impliziert das bei fortschreitender Technologisierung und der damit einhergehenden Effizienz eine zunehmende mentale und physische (Selbst)Optimierung. Begeistert von der Forschung Jean-Baptiste de Lamarcks, der Anfang des 19. Jhds. die Theorie aufstellte, dass Tiere sich in ihrer körperlichen Entwicklung den Umweltbedingungen anpassen und so quasi mit den wechselnden Anforderungen ihres Lebensraums entsprechende körperliche Merkmale ausprägen, sah Marinetti die Möglichkeit, dass die Organe des neuen Menschen „den Bedürfnissen einer aus ständigen Zusammenstößen bestehenden Umwelt angepaßt“ werden und gar schon dabei seien, die Anlage für Flügel auszubilden.24 Schaut man sich den hybriden, monsterhaften „Graham“ von Patricia Piccinini an, so scheint er ein sprichwörtlich fleischgewordener Gedanke Marinettis zu sein – der deformierte und schwammig nackenlose Mann in Boxershorts hat im Laufe der (zukünftigen) Evolution diese Un-Form angenommen, um – ausgerechnet! – Autounfälle überleben zu können. Mit der helmförmigen Stirn, dem gepolsterten Nacken und den Airbags zwischen den Rippen wäre er zweifellos dazu in der Lage, so manche Zusammenstöße auszuhalten. [12] Der uomo molteplicato, den Marinetti 1910 in seinem gleichnamigen Manifest vorstellte, war noch ein mechanischer, nicht-menschlicher Typus, der – grausam, allwissend und kämpferisch – für eine allgegenwärtige Geschwindigkeit gerüstet war. Durch austauschbare Ersatzteile sollten nicht nur das Alter, sondern am Ende sogar der Tod überwunden werden.25
Der mechanische Maschinenmensch sollte funktioniere, d. h. von Sentimentalität und Fleischeslust befreit, immun gegen die Krankheit der Liebe, mutig, tollkühn – und natürlich männlich – durchs Leben gehen. Das Ziel ist in den letzten 100 Jahren also immer dasselbe geblieben: die Optimierung des Körpers, um den steigenden Anforderungen standzuhalten. Das dazu vor Jahren noch notwendige Fitnessstudio ist inzwischen verschiedensten Formen von Prothesen – Ersatzteilen also – gewichen. Ein nicht geringer Teil der Menschen vervollständigt sich ganz selbstverständlich mit Schrittzähler, Sensor-Arm- oder Stirnbändern, die nicht nur ihre Schritte, sondern Puls, Blutwerte, Cholesterinspiegel, Herzschlag, Gewicht, Kalorienverbrauch, Schlafkurven, Kaffeekonsum und Körperfettwerte kontrollieren und auswerten. Dabei werden alle Daten freimütig an die Industrie weitergegeben, um dort die Entwicklung neuer Selbstoptimierungsgerätschaften anzukurbeln, welche dann wiederum gekauft werden. David Eggers Buch „The Circle“ (2013 / 14) beschreibt diesen – wie ein Strudel immer enger und schneller werdenden – Kreislauf aus Transparenz und Überwachung zumindest in der dystopischen Dimension eindrucksvoll. Der in Australien lebende Body-Performance-Künstler Stelarc betont seit vielen Jahren die Uneindeutigkeit des Körpers, die aus neuen biologischen Möglichkeiten resultiere.²6 Um die sterblichen körperlichen Grenzen zu erweitern, experimentiert er mit Prothesen, mit medizinischen Transplantationsmöglichkeiten und mit Robotik. Durch kosmetische, rekonstruktive und orthopädische Chirurgie hat er sich 2006 z. B. ein Ohr in den linken Unterarm einsetzen lassen, das nun, ausgestattet mit GPS Sender und Mikrophon, die Umgebungsgeräusche des Künstlers nicht aufnimmt, sondern abgibt. [13] Die Performance-Gruppe The Agency atrthematisiert in „Medusa Bionic Rise“ (2019) trans-humanistische Gestaltungsmöglichkeiten für den Körper, die Verschmelzung von Körper und Technik, indem in einem futuristischen Trainingscamp zu lauter Musik Fitnessübungen vorgeführt, Mitgliedskarten verteilt sowie an einer Bar Pharma-Smoothies aus Infusionsschläuchen angeboten werden. Die Zuschauer sind eingeladen, mitzumachen, die Aktionen zu betrachten, sich beraten zu lassen, auszuprobieren. Der Selbstoptimierung sind scheinbar keine Grenzen gesetzt, denn die Gruppe hat sich das Wissen globaler Konzerne angeeignet und stellt nun die Frage nach der Bedeutung des Körpers in der Gegenwart, nach Normalität und dem grenzenlosen Gestaltungswillen. [14]
Die Modifizierung und Perfektionierung der Körper hat dazu geführt, dass der Bauplan des Menschen fast beliebig verändert werden kann, dass Monster und Maschinen, Klone, zellulär vernetzte oder transgender-Körper Alltag geworden sind. Das hat Vor- und Nachteile und damit Befürworter und Gegner, da der Körper zwar geheilt, aber auch wirtschaftlich brauchbar optimiert und ausgebeutet oder gar schon vor der Geburt gentechnisch modifiziert werden kann. Es kann aber auch die Möglichkeit ganz neuer Subjektivierungen entstehen, die Räume individueller Entfaltung eröffnet. Aus der permanenten Entwicklung und Grenzverschiebung hat sich unser Da-Sein verändert, so dass auch Geschlechtsumwandlungen, Prothesen oder Neuroimplantate den Körper heutzutage zu einem erweiterten Feld, jenseits rein automatisch ablaufender biologischer Möglichkeiten machen, die individuell in Betracht gezogen werden können. Daraus entsteht eine Form der körperlichen Selbst-Bestimmung, die den Körper aus (vor-) gegebenen, biologischen und aus gesellschaftlich festgelegten Identitätsmustern befreit. Human Enhancement, wie Elon Musk es mit „Neuralink“ beabsichtigt, einem durchaus umstrittenen Projekt, das das Gehirn mit invasiven Neuroprothesen (in das Gehirn implantierte Elektroden) erweitern bzw. ausstatten soll, damit es mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz überhaupt mithalten kann, zeigen, in welcher Bedrängnis der Mensch durch diese Form des Fortschritts mittlerweile steckt. Durch die Bedrohung, die von KI ausgeht, die Ängste, die es schürt, nicht nur, weil es den Menschen womöglich überflüssig werden lässt, sondern weil es die letzte Möglichkeit der Kontrolle mit der Übertragung der Entscheidungs- und Handlungsfunktionen an eine Maschine abgibt, wird die Frage nach Selbständigkeit und Entscheidungsfreiheit der Maschinen auch in der Kunst virulent. So hat Rimini Protokoll gemeinsam mit dem Schriftsteller Thomas Melle und den Münchner Kammerspielen in dem Stück „uncanny vally“ (2018) einen humanoiden Roboter entworfen, der eine animatronische Kopie des Autors Thomas Melle darstellt. [15] Er sieht aus wie Melle, spricht wie er und verwendet seine Worte. Da der Schriftsteller unter einer bipolaren Störung leidet, die sein Leben maßgeblich verändert hat und ihn als gesellschaftliches Subjekt zu einem unberechenbaren, nicht mehr „richtig“ funktionierenden Menschen gemacht hat, hat er seine Stimme an diesen Androiden delegiert, um auf der Bühne seine Geschichte zu erzählen. Offen bleibt dabei die Frage, wer denn nun spricht, denn der fast perfekt imitierte Bühnen-Melle bleibt eine Kopie, ein Roboter im „uncanny valley“, also in der Akzeptanzlücke, die aus seiner unheimlichen Ähnlichkeit mit dem Original entsteht. Gerade wenn man die ergreifende Geschichte des Schriftstellers kennt, die er in dem autobiografischen Roman „Die Welt im Rücken“ (2017) geschildert hat, dann wirkt dieser Roboter nicht mehr wie eine Spielerei, sondern in seiner Konsequent brutal – in einem abgeänderten Sinne hält er einer aus Zusammenstößen bestehenden Umwelt stand.
2.3.3. Simultaneität: Dynamik, Diskontinuität und Digital Detox
Gleichzeitigkeit ist etwas, das heute geradezu selbstverständlich geworden ist, denn sie geht aus der Geschwindigkeit und dem Einsatz der Technik in all unseren Lebensbereichen hervor, so dass wir keine Möglichkeit haben, sie auszublenden, ohne uns von der Gesellschaft komplett zu verabschieden. Boccioni hatte die Simultaneität bereits 1910 als „Folge des universellen Dynamismus“ gepriesen, als Nebenwirkung der Beschleunigung, der Möglichkeit und Notwendigkeit, die Verschiebung und Zerlegung der Gegenstände in Fragmente darzustellen, die aufgrund der Zersplitterung der Wahrnehmung zahlreicher parallel stattfindender Geschehnisse eintritt. Für die Kunst bedeutete das „ein neues Drama im Bild schaffen, das es uns zum Beispiel ermöglicht, rund um den Gegenstand, der sich vor unseren Augen befindet, Elemente oder (ähnlich notwendige) Teile der Gegenstände zu vereinen, die sich rund um uns, hinter uns, weit von uns entfernt befinden, die vorüberzogen, uns bewegten und nie wiederkehren werden.“27 Vor 100 Jahren noch im Entstehen einer neuen Lebenswirklichkeit angedeutet und auf der Bühne im spektakulären Durcheinander parallel dargebotener Ideen und Werke künstlerisch erprobt, hat die Gleichzeitigkeit in der globalisierten Leistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts inzwischen ihre wohl stärkste Ausprägung erhalten.
Die endlosen Reize führen dazu, dass zeitgleich und unaufhörlich aus unterschiedlichen Teilen der Welt Informationen auf uns einströmen, so dass wir nie nur an einem Ort sind, sondern an zahlreichen Orten gleichzeitig. Nachrichten über Kriege, Aufstände und Umweltkatastrophen stehen dabei gleichberechtigt neben Berichten aus dem Königshaus, Kinonews und Kochrezepten. Die Gleichzeitigkeit ist zu einer Diktatur geworden, der wir uns unterwerfen, um dabei zu sein, uns nicht auszuschalten. „Stress und Depression, Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom unserer Kinder sind die Kehrseite weltumspannender Kommunikation und Mobilität. […] Man hat das schöne Wort vom ,Technostress‘ dafür gefunden, um das jedem PC-User bekannte Phänomen der Gewöhnung an schnellere Geschwindigkeiten zu erklären“, konstatiert der Kulturwissenschaftler Matthias Bickenbach.28 Tatsächlich hat die Technologie uns längst alle ihrem Geschwindigkeitsund Gleichzeitigkeits-Diktat unterworfen und so prophezeit man uns dystopisch, dass wir alle cyberkrank werden.29
Digital Detox wird empfohlen, dabei sind aber auch diese Informationen letztendlich nur wieder neue Impulse, die auf uns einströmen und uns neue Aufgaben zuweisen – nun versuchen wir gleichzeitig während wir alles weiterhin schaffen, gelassen dabei zu sein, allgemein informiert und fokussiert, flexibel und beständig. Es ist ja nicht nur die Anzahl an Kommunikationskanälen, sondern auch die nicht mehr zu treffende Unterscheidung von öffentlich und privat, die uns Auszeiten entreißt, denn rund um die Uhr, überall sind wir erreichbar und können egal wann und wo wir sind „da sein“, telefonieren, Nachrichten beantworten, Dinge bestellen oder Informationen abrufen. Dass das zu psychischen Erkrankungen führt, ist nicht weiter verwunderlich. Neuronale Erkrankungen, wie Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS), Burnout oder Borderline gehören zur „pathologischen Landschaft der heutigen Gesellschaft“ so der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay zur „Müdigkeitsgesellschaft“. Während der Leistungsdruck, zur Erschöpfungsdepression führe, äußere sich ein Übermaß an Positivität auch in einem Übermaß an Reizen, Informationen und Impulsen. Han sieht eine Gefahr im Multitasking, „das eine flache, kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordere, die der Wachsamkeit eines wilden Tieres ähnlich sei.“30
Der Philosoph Byung-Chul Han sieht eine Gefahr im Multitasking, „das eine flache, kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordere, die der Wachsamkeit eines wilden Tieres ähnlich sei.“
Tony Oursler reflektiert die Auswirkungen der Informationsflut und der simultanen Eindrücke bereits seit dem Beginn des Internetzeitaltes in den 1990er Jahren (vgl. den Essay zu Oursler in diesem Band). [16] Durchdringung und Überlagerung von Wahrnehmungen, narrative Brüche und fragmentierte Erzählungen, Bildschnipsel und Verbindungslosigkeit zeigen sich auch in anderen künstlerischen Arbeiten. Auch hier ist natürlich die Strategie der Verweigerung, der Passivität und des Nichtstuns wieder eine widerständige Praxis, die als Antwort auf Multitasking und daraus resultierende Überforderung verstanden werden kann. So hat das schwedische Duo Simon Goldin und Jacob Senneby mit dem U-Bahn Projekt „Evig Anställning“ die gängige Auffassung von Arbeit hinterfragt: eine unbefristete Anstellung fürs sog. „Nichtstun“. Die einzige Auflage ist, dass morgens und abends an der Stechuhr ein- und ausgecheckt werden muss. Ab 2025 kann man sich bewerben, denn erst 2026 wird die U-Bahnhaltestelle, an welche die Anstellung gebunden ist, Korsvägen in Göteborg, fertiggestellt sein. Das Projekt versteht sich als eine Anti-Performance auf unbestimmte Zeit, d.h. es gibt keine Vorgaben und Regeln, nur Möglichkeiten. Statt Gelderwerb können Wissen erworben, Fähigkeiten ausgebaut, Kenntnisse verfeinert werden. Ohne ökonomischen Druck, ohne Leistungskontrolle oder Wettbewerbsanforderungen. Auf diese Weise stelle das Projekt, so die Künstler in der Ausschreibung, unsere Vorstellung von Wachstum, Produktivität und Fortschritt infrage. Doch auch die Tatsache, dass es kaum noch dauerhafte Arbeitsstellen gibt, dass Unsicherheit und mehrere berufliche Standbeine (bald) der Normalzustand sind und eine Konzentration auf eine Beschäftigung damit kaum noch möglich ist, schwingen dabei mit. [17]
2.3.4. Sprache: Fragmente, Follower und fake news
asap. HNY. LOL. C U l8er. Kürzel oder Akronyme kennzeichnen unsere tägliche (Chat-)Kommunikation, wobei asap Form und Inhalt präzise auf den Punkt bringt: as soon as possible, keine Zeit also, in ganzen Worten zu kommunizieren. Akronyme sind kein Novum, schon lange reden wir von TÜV, LKW, PKW oder ADAC und können sogar Jahrhunderte zurückblicken bis auf INRI oder ICHTYS. Es sind vielmehr die Medien (und die Menge) der Kommunikation, welche sich geändert haben und damit die Häufung der Akronyme, die sich heutzutage als eine ganz eigene Sprache durchgesetzt haben. Man mag davon halten, was man will, Marinetti und die Futuristen jedenfalls wären von Akronymen, Icons oder hashtags ganz sicher begeistert gewesen, solch spielerische, knappe und poesiefähige moderne Sprachkürzel hätten sie damals zweifelsohne zu kreativen Höhenflügen herausgefordert. Gerade das verbindende Element der hashtags, aber auch das Fragmentarische einer solchen kürzelhaften Kommunikation wären dem stets in Eile über schnelle Tele gramme kommunizierenden Marinetti eine Freude gewesen. Denn damit kann man Zeit sparen und Interessensnetzwerke erstellen. Die Medien selbst, das mobile Internet als überall verfügbare, praktische und schnelle Kommunikationsmöglichkeit war selbst für die das Unmögliche imaginierenden Futuristen unvorstellbar: ständig im Gespräch, viele Menschen gleichzeitig ansprechen, Gleichgesinnte finden, Gegner überzeugen oder einen shitstorm entfachen, permanent im Mittelpunkt stehen und glänzen – das, was heute mit social media alltäglich ist, war bei ihnen noch ein methodisch facettenreiches und sehr mühseliges Experiment.
Mit Radio, Telegrafie und Kino hatten sie Anfang des 20. Jhds. Organe gefunden, die so laut und weitreichend waren, dass damit erstmals eine Menge „Follower“ gleichzeitig erreicht und gewonnen werden konnten. Auch das Manifest war als Ideenmultiplikator ein optimales Instrument und wurde in spektakulären Aktionen verteilt. Damit konnten alle Neuerungen, Forderungen und Ansichten schnell und direkt verbreitet werden. Dasselbe galt für die Sprache: Onomatopoetische Poesie hat kurz, schnell und prägnant auf den Punkt gebracht, was gesagt werden sollte: Zang Tumb Tumb, die Geräusche des Krieges, all die Laute und der Lärm des modernen Großstadtlebens sollten in den Worten in Freiheit (parole in libertà) sichtbar werden.31 Freie Gedankenassoziationen und Analogieketten erstellten eine Folge von Gefühlen und Bildern, gaben das Bersten der Granaten und das Dröhnen der Motoren wieder – die Typographie tat dabei ihr übriges [18].
Der Ton, in dem die Futuristen dabei an die Andersdenken herantraten provozierte regelmäßig Ausschreitungen – ein willkommener Werbezweck! All diejenigen, die sich nicht bereits auf die Seite der Futuristen geschlagen hatten, wurden kurzerhand beschimpft: „Die ignoranten Zeitungskritiker, die kunsthistorischen Eunuchen, die lebendig begrabenen Direktoren der Pinakotheken, die passiven päderastischen Kunstliebhaber, die sterilen Künstler […] all diese Trottel […].“32 Wenn heute im Rahmen der Klimadebatte erneut von einem Generationenkonflikt gesprochen wird, so befinden sich die Futuristen (auch) diesbezüglich in einer Vorläuferrolle. Mit äußerster Vehemenz richteten sie ihre Worte gegen eine passatistische Generation und „liefern dem Abscheu der Jugend diesen ganzen unwissenden Pöbel aus, der in Rom dem Wiedererblühen eines Ekel erregenden, weichlichen Klassizismus Beifall spendet, […] der in Turin eine Malerei beweihräuchert, die aussieht, als stamme sie von Regierungsbeamten im Ruhestand, und schließlich auch diesen unwissenden Pöbel, der in Venedig eine undefinierbare Art Patina von versteinerten Alchimisten verherrlicht.“33 Manifestationen der heutigen Jugend haben das Flug-blatt-Manifest als direkte, zielgerichtete öffentliche Erklärung, das damals noch paketweise an Passanten, Ausstellungsbesucher und Teilnehmer der Abendveranstaltungen verteilt wurde, im 21. Jhd. zugunsten der online-Kommunikation in kurze, schnelle Mitteilungen und Aufrufe aufgelöst. Parolen und Slogans, Forderungen und Proteste sowie Manifestationen auf den Straßen und Plätzen sind aber weiterhin ein Mittel der direkten Aussage geblieben, sie lassen sich über social media nur unvergleichlich viel schneller verbreiten. #MeToo und #FridaysForFuture sind nur zwei Beispiele dafür, wie große Gruppen Gleichgesinnter sich innerhalb kürzester Zeit auf der ganzen Welt zusammenschließen können.
Der Nachteil einer zu schnellen, ungefilterten und ungeprüften Kommunikation ist allerdings auch schon lange sichtbar und liegt nicht in der (Ver-) Kürzung, sondern in ihrer Anfälligkeit für unüberlegten und dadurch enttabuisierten und diffamierenden Sprachgebrauch, der dem der Futuristen bisweilen in nichts nachsteht, aber durch die im Internet vervielfältigte und konservierte Verbreitung eine neue, destruktive Brisanz erfährt. Eine weitere Anfälligkeit dieser Kommunikation ist in der Verbreitung von Falschmeldungen, sog. „fake news“ zu erkennen. Warren Neidich hat in seiner Arbeit #pizzagate die Auswirkungen von fake news am Beispiel des Netzwerkes an Verschwörungstheorien anlässlich des letzten Präsidentschaftswahlkampfes in den USA (2016) aufgezeigt (vgl. für Abbildungen das Gespräch mit Warren Neidich), der Berliner Künstler Sebastian Schmieg untersucht hingegen die algorithmische Zirkulation von Bildern, Texten und Körpern über Interventionen in vorgefundene Systeme, die das Verborgene hinter den glänzenden Oberflächen unserer Netzwerkgesellschaft aufdecken. In seiner Installation und Webseite „It was fun at first“ (2016) verselbständigt sich die Sprache online, indem ein Botnet von Twitter Accounts Trendthemen auf dem social media Kanal durch Kommentare beeinflußt. Das Botnet, so Schmieg, besteht aus falschen Accounts und realen Menschen, es liefert die news, die wir glauben wollen. [19]
Das Künstlerduo FAMED hat den unlösbaren Konflikt von Avantgarde und Desaster (so der Titel ihrer Ausstellung 2016 im Braunschweiger Kunstverein) aufgenommen, den Drang, immer etwas Neues als die einzige Wahrheit zu manifestieren und dabei doch geradezu zwangsläufig in ständiger Bewegung und Veränderung zu sein. Das Resultat der schnellen Veränderung kann auch Konfusion sein, so dass die Worte und Buchstaben ihrer Arbeit „Manifest einer Strömung“ (2016) als silberne Ballons von Heißluft angetrieben an der Raumdecke herumtreiben. [20, 21] Läuft der Text ins Leere, wird er beliebig, unlesbar, zufällig und unkontrollierbar. Ebenso unkontrollierbar ist und bleibt das Graffiti als zeitgenössische sprachliche Äußerung im öffentlichen Raum, das sich – illegal und subversiv – an eine breite Öffentlichkeit wendet. Bisweilen als reine Markierungen verwendet, indem Sprayer-Signaturen öffentlichen Raum besetzen, entstehen aber auch immer wieder und allen städtischen Reinigungsversuchen zum Trotz Slogans des Widerstands, Imperative gegen das herrschende, kapitalistische System und Aufrufe verschiedenster Art. Graffitis sind, wenn sie sprachliche Aussagen treffen, häufig gegen etwas gerichtet, äußern Wut oder Ängste und können daher als bewusste (Zer-) Störung betrachtet werden. [22]
2.3.5. Lebensraum: Utopien, Destruktionen und dystopische Aussichten
„Diese Zeiten, Anthropozän genannt, sind die Zeiten einer artenübergreifenden Dringlichkeit, die auch die Menschen umfasst. Es sind Zeiten von Massensterben und Ausrottung; von hereinbrechenden Katastrophen, deren unvorhersehbare Besonderheiten törichterweise für das schlechthin Nichtwissbare gehalten werden; einer Verweigerung von Wissen und der Kultivierung von Responsabilität; einer Weigerung, sich die kommende Katastrophe rechtzeitig präsent zu machen; Zeiten eines nie dagewesenen Wegschauens.“34(Donna Haraway) Der vielleicht grundsätzlichste, denn momentan bedrohlichste Szenenwechsel besteht in einem im Futurismus als utopisch verstandenen Lebensraum, der heute einem dystopischen, angstbesetzten Um-welt-Untergangsgedanken gewichen ist.
Am 8. Juli 1910 hatten die Futuristen vom Uhrenturm auf dem Markusplatz 800.000 Exemplare eines Flugblatts mit dem Manifest gegen das passatistische Venedig abgeworfen, in dem sie forderten: „Verbrennen wir die Gondeln, diese Schaukelstühle für Idioten […] Beeilen wir uns, die kleinen, stinkenden Kanäle mit dem Schutt der alten, einstürzenden und leprösen Paläste aufzufüllen.“35 Inzwischen treiben die passatistischen Kunstschätze tatsächlich im Schlamm, Boccionis erschreckende Prophezeiung „Zum Glück bestimmt das Schicksal die Entwicklung und alles wird zerstört!“36 scheint Realität geworden. Im November 2019 hat der Bürgermeister von Venedig den Notstand ausgerufen, tagelang stand den Venezianern das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals – als eine der zahlreichen Folgen des Klimawandels. 2017 hat der Künstler Lorenzo Quinn anlässlich der Biennale riesige Hände entworfen, die aus dem Lagunenwasser ragten und symbolisch das Hotel Ca’ Sagredo stützten, damit es nicht im Wasser versinkt. Er wollte mit dieser Arbeit ein Zeichen setzen, und auf die Macht des Menschen aufmerksam machen, auf die Möglichkeit, zu retten, oder zu zerstören. Im Dezember 2019 wurde das sehr anschauliche Bild, das zu diesem Zeitpunkt tragische Aktualität erlangt hatte, zum Symbolbild der Klimakonferenz in Madrid erklärt. [23]
Künstlerische Arbeiten, die sich mit dem Klimawandel, der Eisschmelze, mit Überflutungen, Dürrekatastrophen, der Zerstörung von Wäldern und der Vermüllung der Ozeane auseinandersetzen, sind ebenso vielseitig wie vielzählig. 2018 hat Douglas Coupland mit „Vortex“ im Vancouver Aquarium in Kanada eine drastische Installation geschaffen, die den gigantischen Müllstrudel des Nordpazifiks, auch „Great Pacific Garbage Patch“ oder „Pacific Trash Vortex“ genannt, thematisiert. Er ist der größte von mehreren Müllstrudeln und liegt zwischen der Küste Kaliforniens und Hawaii. 300 Mio. Tonnen Plastik produzieren wir Menschen pro Jahr und die Hälfte davon landet früher oder später im Meer, wo es herumschwimmt und sich zum Teil zu Mikroplastik zersetzt. 80.000 Tonnen Plastik schwimmen im Pacific Trash Vortex, das sind etwa 1,8 Billionen Plastikteile, die meisten davon größere Gegenstände. Da Couplands Suche im Internet nach Bildern des großen Müllstrudels ergebnislos verlief, hat er beschlossen, ein eigenes Bild davon zu kreieren. [24]37
Kritik am unreflektierten Weitermachen (-fahren) und damit an der Weigerung einer „Kultivierung von Responsabilität“, wie von Donna Haraway im Eingangszitat geäußert, ist in der Arbeit „Mont Ventoux“ (2007) von Matthias Surges zu erkennen. Der Berg, der im Zusammenhang mit der ersten Landschaftsbetrachtung durch Petrarca steht, erscheint nicht mehr als Bild einer Landschaft, sondern nur noch als Schriftzug in 3D-Chrombeschriftungslettern wie sie für die Bezeichnung von Automarken am Heck der Fahrzeuge benutzt werden. Die Buchstaben befinden sich auf einer Aluminiumtafel, die in der RAL-Farbe „Alpinweiß“ (ein gängiger Autolack mit Landschaftsbezeichnung) gestrichen ist. Die Betrachtung ist der Durchfahrt gewichen. [25] Während die Darsteller*innen der eindrucksvollen dystopischen Strandoper „Sun & Sea“ der Künstlerinnen des Litauischen Pavillons von 2019, Rugilé Barzdziukaite, Vaiva Grainyté und Lina Lapelyté, als Kritik am permanenten Reisen Texte über Klimawandel und Artensterben wie das Verschwinden der Korallenriffe sangen [26], haben die beiden Zwillingsschwestern Margaret und Christine Wertheim 2003 das Institute for Figuring (IFF) gegründet und häkeln seitdem das Great Barrier Reef in einem offenen Prozess zusammen mit inzwischen tausenden Helfer*innen nach. Eine Erinnerungsarbeit gewissermaßen, eine Antwort auf das Sterben, die Auslöschung und den Untergang, denn hier wird in mühevoller Handarbeit etwas erschaffen, was an einer anderen Stelle bereits vernichtet wurde. Auf der Internetseite des IFF heißt es: „At a time when the world is awash in garbage, when oceans are inundated with plastic and living reefs are dying from heat exhaustion, the Crochet Coral Reef project offers a tender impassioned response.“ [27]
Eine entschleunigte und sehr haptische, handwerkliche Tätigkeit, an der mittlerweile über 10.000 Menschen simultan teilnehmen und die eine weite Verbreitung über das Internet erfährt, so dass eine gemeinsame künstlerische Antwort auf das Artensterben entsteht die eine Alternative anbietet zu Zerstörung und Hoffnungslosigkeit. Denn eins scheint klar: es ist Zeit zum Handeln. asap.
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Filippo Tommaso Marinetti Umberto Boccioni Franco Berardi Jonathan Schipper Sanja Iveković Maria Hassabi Oliver Gather Stelarc Rimini Protokoll Tony Oursler Goldin + Senneby Sebastian Schmieg Gruppe Famed Lorenzo Quinn Douglas Coupland Matthias Surges Margaret und Christine Wertheim Rugilė Barzdžiukaitė Vaiva Grainytė Lina Lapelytė Patricia PiccininiDAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN















