Titel: post-futuristisch. Kunst in dystopischen Zeiten · von Ann-Katrin Günzel · S. 48 - 47
Titel: post-futuristisch. Kunst in dystopischen Zeiten ,

post-futuristisch.

Kunst in dystopischen Zeiten

herausgegeben von Ann-Katrin Günzel

Dass wir uns so unvermittelt und mit einer so harten Vollbremsung in einer Entschleunigungsphase wiederfinden würden, hätte vor wenigen Wochen niemand vermutet: Unsere wachstumsorientierte, schnelllebige Leistungsgesellschaft wird derzeit geradezu dramatisch vom Corona-Virus ausgebremst, das sich in einem atemberaubenden Tempo über alle Landesgrenzen hinweg verbreitet. Bei solch sprichwörtlich viraler Geschwindigkeit heißt es nun „Zeit gewinnen“. Während aus Italien bereits unglaublich dystopische Berichte und Bilder auftauchten, wurde Mitte März international die Notbremse gezogen: Museen, Schulen, Bibliotheken und Universitäten, sogar Kirchen bleiben vielerorts „vorerst“ geschlossen. Ausgangssperren drohen, die Wirtschaft ist lahm gelegt. Das bringt enorme existenzbedrohliche Nachteile für viele mit sich. Es zeigt aber auch, dass ein Stopp grundsätzlich möglich ist, dass wir wesentliche Aspekte wie Gesundheit, Solidarität und Rücksichtnahme in den Fokus rücken könn(t)en und damit sogar die Natur eine Atempause erhält. Die permanente Beschleunigung könnte mit diesem aus der Krise gewonnenen Wissen neu gedacht werden.

Der post-futuristische Blick geht in diesem Band zunächst einmal zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts, als die italienischen Futuristen die Welt um die „Schönheit der Geschwindigkeit“ bereichern wollten. Fortschritt war bei F. T. Marinetti als Imperativ zu verstehen, erklärtes Ziel war es, alle Bereiche des Lebens und der Kunst durch technische Entwicklungen und damit einhergehend ein neues Lebensgefühl zu optimieren. Nachdem inzwischen fast alle Forderungen der Futuristen Wirklichkeit geworden sind, die Dynamik der Automobile in kilometerlangen Staus und verstopften Innenstädten zum Stillstand gekommen und die drahtlose Telegrafie zu einer allumfassenden Digitalisierung geworden ist, nachdem die Simultaneität der Ereignisse sich in hashtags aufgelöst hat, Informationen in der globalisierten Welt jederzeit verfügbar, aber auch ununterscheidbar mit fake news verwoben und die Städte kurz vor dem Kollaps jeder lebendigen Infrastruktur nahezu dystopische Räume geworden sind, sind wir im post-futuristischen Zeitalter angekommen.

Das Resultat ist Erschöpfung, die nicht nur unsere Körper betrifft, sondern auch unseren Geist und unsere natürlichen Ressourcen. Das Stichwort der Erschöpfung ist auch titelgebend von Franco Berardis für diesen Band entstandenen Essay, in dem er die Gründe für die Entstehung eines post-futuristischen Zustands untersucht. Sein Begriff des post-futuristischen Zeitalters wurde hier übernommen, um ein aktuelles Zeitgefühl zu kennzeichnen, denn so gut wie alle Kernfragen der italienischen Futuristen treten heute unter umgekehrten Vorzeichen erneut auf.

Der Themenband nähert sich einer Erläuterung der Frage, was post-futuristische Kunst ausmacht aus verschiedenen Blickrichtungen. In fünf wesentlichen Teilbereichen führt die Herausgeberin Ann-Katrin Günzel in das Thema ein, indem sie den futuristischen Utopien zeitgenössische künstlerische Positionen gegenüberstellt und aufzeigt, in welcher Form und mit welchen Medien diese das Ende des Fortschrittsgedankens reflektieren. Warren Neidich erläutert seine Theorie der aktivistischen Neuroästhetik und inwiefern das Gehirn durch die Veränderungen des kulturellen Umfeldes in seiner materiellen Struktur Transformationen unterworfen ist. Vivian Sobchack stellt in ihrem Aufsatz die Frage, wie der Science-Fic-tion-Film in einem traumatisierten 21. Jahrhundert mit der Darstellung von Zukunft umgeht bzw. diese post-futuristisch reflektiert. Während Yvonne Volkart „post-futuristische Körper“ untersucht, indem sie ihr Maschine-Werden reflektiert, schildert Anke Hoffmann die ästhetischen Praktiken der Passivität und des Nichtstuns als post-futuristische Gegenstrategien in der Kunst einer Zeit, in der Effizienz und Selbstvermarktung als Schlüsselbegriffe eines erfolgreichen Lebens gelten. Post-futuristische künstlerische Strategien und das Verhältnis von Körper und Technologien spielen auch eine wesentliche Rolle in dem Gespräch von Ann-Katrin Günzel mit Fabian Saavedra-Lara über die künstlerischen Positionen der Ausstellung „Bodies in Trouble“. Stefanie Zoche gibt im Interview Einblicke in die Entwicklung ihrer künstlerischen Arbeiten zum Anthropozän und Sabine Reich erzählt vom Detroit-Projekt, das 2013 / 14 den sozialen und ökonomischen Wandel der Industriegesellschaft anlässlich der Schließung des Opelwerks thematisierte. Die Probleme und Psychosen, die als Auswirkungen unserer Mediengesellschaft aus der permanenten Simultaneität der Reize und Bilder entstehen, verdeutlicht schließlich das Portrait des multimedial arbeitenden Videokünstlers Tony Oursler.

von Ann-Katrin Günzel

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