Titel: Design III: Deutsche Möbel · S. 92
Titel: Design III: Deutsche Möbel , 1989

Brandolini

Auf einem Design-Symposium im vorletzten Jahr vertrat ich – anhand eigener Arbeitsbeispiele – die These, daß Möbel „Geschichten“ provozieren oder möglich machen sollen. Baß erstaunt war ich dann, als in dem folgenden Vortrag ein Marktforscher dies begeistert aufgriff, ja sogar in seinen Thesen schon längst verarbeitet hatte. Und noch erstaunter war ich, als ein anwesender Möbelproduzent von seinen jüngsten Erfahrungen bzw. Erfolgen berichtete. Der hatte nämlich, per Anzeige, „Antik“-Nachbauten in großer Stückzahl verkauft, und zwar – mit einer Geschichte: Da kam ein Designer während seines Frankreich-Urlaubs in einen netten alten Landgasthof und hatte sich sehr, sehr wohlgefühlt. Besonders die alten, von Jahrzehnten gezeichneten Möbel waren … usw. Drüber war ich so verdutzt, daß ich völlig vergaß einzugreifen und meine Thesen zu präzisieren. Sehr lehrreich das Ganze. Man vergißt ja in unseren introvertierten Berliner Hinterhöfen sehr leicht, daß das, was man tut, sich letzten Endes in einem großen marktwirtschaftlichen Rahmen bewegt, und daß, wenn man A sagt, andere B sagen oder schon gesagt haben.

O. K.! Dann will ich mal das Wort „Geschichten“ aus meinem Argumentations-Repertoire streichen. Es scheint mir doch etwas mißverständlich zu sein. Was ich eigentlich damit meinte, ist folgendes: Möbel oder Einrichtungsgegenstände sind von jeher ein Ausdruck kultureller oder familiärer Identität gewesen. Durch das vererbte Familienporzellan zum Beispiel saß man stets im Kreise einer eigenen Tradition, als ob die Urgroßmutter nie vom Tisch aufgestanden wäre. Gebrauchsspuren, Ergänzungen, Bezüge bereicherten ein in sich dynamisches Szenario. Dies funktionierte selbst noch mit der lächerlich verlogenen Fürstenpracht der bürgerlichen Gründerzeitwohnung, war sie doch…

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