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Titel: Cool Club Cultures · von Tom Kummer · S. 175 - 179
Titel: Cool Club Cultures , 1996

Ulf Poschardt
»Der Erfolg der DJ-Culture hilft, den Widerstand gegen das herrschende System zu popularisieren«

Über die Erste Avantgarde im Kontext der Popmusik
Gespräch von Tom Kummer

Tom Kummer: Was ist passiert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?

Ulf Poschardt: Jede Menge Spaß. Millionen Jugendlicher finden mittlerweile, daß auf Dauer zwei Plattenspieler und ein Mischpult aufregender sind als fünf Gitarrensaiten.

Warum habe ich bloß die Vermassung des Tanzuntergrunds in den letzten fünf Jahren nicht als großen Spaß empfunden?

Keine Ahnung. Du hörst vielleicht nicht mehr richtig hin, sitzt am falschen Platz, weiß der Teufel, was mit dir los ist. Vielleicht bist du aber, wie viele Intellektuelle, einfach unfähig, die Vermassung des Tanzuntergrunds als eine Qualität zu begreifen – dabei wird sich jetzt gut und schlecht um so besser trennen.

Das »Ich« des DJs

Vielleicht sollte ich mir zwei Technics-Plattenspieler aus der 1200er-Serie und eine alte Roland-303-Drummaschine anschaffen. Viel mehr interessiert mich jetzt aber deine Theorie, wonach der DJ den herkömmlichen Künstlerbegriff in Frage stellt, so wie in diesem Jahrhundert schon Duchamp oder Warhol den klassischen Künstlergenius verhöhnt haben.

Korrekt. Der DJ befindet sich genau in derselben Ambivalenz von Zerstörung und Wahrung der Künstleridee. Die DJ-Culture hat die Funktion des Autors dekonstruiert. Der DJ ist ein Künstler zweiten Grades und darum so wichtig. Er ist per Definition Eklektiker und Musik-Musiker. So wie sich der Filmemacher Jean-Luc Godard als Organisator von Bildern und Tönen bezeichnet, so erscheint der DJ in der Musikszene, um den archaischen Gedanken der Schöpfung und idealistischen Ästhetik zu hinterfragen. Die DJ-Culture soll somit an die Praxis der innovativen Avantgarden der klassischen Moderne angeschlossen werden, und die DJ-Avantgarden erscheinen als die legitimen Erben von Malewitsch, Duchamp oder Warhol.

Den aus sich selbst heraus schaffenden, echtheitsfanatischen und wahrhaftigen Kunstproduzenten hältst du also für einen alten Lappen. Dein Held dagegen, der DJ, hebt die bisher produzierte Kunst und das Urheberrecht im materialistischen Sinne auf. Er sammelt, archiviert oder sampelt als Rohstoff für seine eigene Arbeit. Er klaut …

… tut er nicht, er stellt nur alte Musik, Sounds, Beats und Melodien aus verschiedenen Epochen in einen neuen Zusammenhang. Damit gelangt er in ein enges Verhältnis zur Musikgeschichte und kann so unmittelbar mit dieser hantieren. Es entsteht eine große Familie von Sounds, in der man sich so wunderbar verlieren kann. Alles ist viel entspannter, denn der DJ legt sein Material radikal offen. Seine Plattenkiste steht am Ausgangspunkt aller Produktionen. Das „Ich“ des DJs ist in der Plattenkiste verstreut.

Dekontextualisierung des R&B

Ich würde jetzt aber gerne mal klären, wie du die DJ-Kultur historisch definierst. Alles beginnt mit Disco, Disco, „ring my bell“ über alles, oder?

Disco, klar. Aber wir sollten viel früher einsteigen. Die Geschichte der DJ-Musik beginnt mit der Geschichte des Radios und ist somit unmittelbar an die Technikgeschichte angeschlossen. Der innovative Einsatz von Technologie unterscheidet ja gerade den DJ-Untergrund von den Konservativen …

… und wer die ganze Technikmanie nicht mag, ist für diese Revolte auch nicht zu gebrauchen …

Ich will damit nur sagen, daß es zuerst immer DJs waren, die für den neuen, technologischen Sound entsprechende Repräsentationen fanden. Ob Radio-DJs oder ab Ende der 70er Jahre der selbständig produzierende DJ-Musiker im Hip Hop. Die Künstler der DJ-Culture bilden die erste Avantgarde im Kontext der Popmusik, die moderne Technologie umkodieren. Auch Video- und Computerkunst haben das versucht, doch war die Nutzung dieser Medien durch die Künstler ganz im Sinne der Gebrauchsanweisung der Hersteller. DJs fragten immer nur: Was ist ein Plattenspieler, und was kann er? Die Frömmigkeit des Fragens fiel mit der Frömmigkeit des Tuns zusammen.

Wer oder was hat denn das Design der Popmusik grundlegend in Richtung DJ-Kultur verändert?

1958 wurde die Stereoplatte eingeführt, was Popmusik noch verlockender klingen ließ. Die Entwicklung der Hi-Fi-Technik ermöglichte Klangexperimente und feine Abstimmung im Plattenstudio. Das Mischpult wurde zuerst von Produzenten-Künstlern wie Phil Spector und George Martin (The Beatles) genutzt. Bands wie Pink Floyd und Kraftwerk erforschten dann, wie weit Hörgewohnheiten und traditionelles Musikverständnis herausgefordert werden konnten. Aber es waren die Underground-DJs, die Stücke sendeten, die aufgrund ihrer Länge und ihres experimentellen Charakters nicht für das Mainstream-Radio geeignet waren.

Nenn mal einen Namen und führ mich zurück zum gesellschaftlichen Aspekt der DJ-Kultur.

Der Radio-DJ Alan Freed steht am Anfang der Popkultur. Bei seinen Rhythm-&-Blues-Konzertveranstaltungen in Cleveland Anfang der 50er Jahre fanden sich immer mehr Weiße ein. Um zu vermeiden, was Freed „das rassistische Merkmal der alten Bezeichnung“ nannte, verzichtete er auf den Ausdruck Rhythm and Blues und erfand dafür den Terminus Rock’n’Roll. Freeds Dekontextualisierung des R&B und seine Definition des Rock’n’Roll stellen ihn in die vorderste Front der DJ-Kulturmacher in der damals noch jungen Popwelt.

Die Schwarzen und die Schwulen

Und dann kommt das große Poppen. Disco, Disco, „ring my bell“.

Ziemlich großer Sprung. Disco als DJ-Kultur nutzt vor allem die neuen elektronischen Instrumente wie Synthesizer und Rhythmusgerät, um einen synthetischen Sound zu erzeugen, der seine Zeitgenossenschaft technisch belegt. Mit Kraftwerk tauchen die technologischen Hexenmeister der Popmusik auf. Die Maxisingle kommt dann als erstes mediales Produkt der DJ-Culture raus, und damit kann sich der Remix von Stücken durchsetzen. Doch erst die Hip-Hop-DJs erkennen Mitte der 70er Jahre, daß zwei Plattenspieler nicht nur eine eigene Mixtur bestehender Musik liefern können, sondern daß etwas komplett Eigenes und Neues entstehen kann.

Der gute alte Grandmaster Flash baute Mitte der 70er Jahre seine eigene Anlage zusammen, modifizierte das Mischpult und machte die Beatbox zum festen Bestandteil der Hip-Hop-Musik. Korrekt?

Viel wichtiger noch, Grandmasters Ingenieurleidenschaft folgen später verschiedene DJ-Fraktionen. Ein Beispiel ist das Techno-Wunderkind Richard James, der sich als Teenager seinen eigenen Sampler baut.

Der Sampler ist dieses Ding, das Töne festhält und auf Knopfdruck an irgendeiner gewünschten Stelle wieder losläßt. Richtig?

So ungefähr.

Laß uns mal vom kulturellen, also politischen Fortschritt in Sachen DJ-Culture sprechen. Am Anfang stand Disco, Disco und mein Lieblingsliedlein „you can ring my bell“. Was bedeutet das für uns?

In den 60er Jahren war der gesellschaftliche Diskurs in den USA wegen Vietnam vom lauten, pathetischen Nein geprägt. Die Disco-Kultur setzte dagegen auf ein lautes, euphorisches Ja. Der Disco-Untergrund war Untergrund, weil er sich deutlich vom Rest der Welt absonderte und weil er von Leuten geprägt war, die im Rest der Welt diskriminiert und deren Leidenschaft unterdrückt waren – das waren mal ganz zuerst und ganz entscheidend die Schwulen, die schwarzen Schwulen, die Schwarzen und nochmals die Schwulen. Ihnen sind wir zu Dank in alle Ewigkeit verpflichtet.

Mir fällt heute auf, daß die Dancefloor-Kultur bereits einen neuen männlichen Hipster hervorgebracht hat – den „straight faggot“. Den kann man heute an jedem Rave antreffen. Was hältst du von diesem Typen?

Was soll ich an ihm finden? Er gehört mit zum Aufstand. Er ist ein heterosexueller Schwuler, der sich mit dem Leben, der Romantik und dem Stil der Homosexuellen nicht nur solidarisiert, sondern sie auch nachahmt und auf eine heterosexuelle Existenz überträgt. Weitere Formen dieser Art von Hipstertum gibt es längst. Es sind oder waren „atheistische Jesuiten“, „arische Mulatten“ oder „kommunistische Nazis“ wie zum Beispiel die slowenische Band Laibach. Die Kostümierung ist pure schwule Revolte aus den Zeiten des Disco-Untergrunds.

Der Siegeszug des Samplers

Es ging bei Disco also um das Gutaussehen, Cool-Tanzen und das Spaßhaben. Etwa 1977 war Disco jedoch die Pest …

Im Gegensatz zum Rock’n’Roll, Funk oder Soul war in der Disco-Kultur erstmals der vordergründig rebellische Charakter verschwunden. Die Disco-Kultur stellte sich nicht offensiv gegen die Welt, sondern ignorierte sie und versuchte, eine eigene Welt aufzubauen. Eine Grundhaltung, die alle folgenden Dancefloor-Subkulturen prägen sollte. Wie jeder Hype mit nachfolgendem Ausverkauf führte dann auch die Disco-Hysterie dazu, daß sich alle kreativen und integren Künstler von den entstellten Projekten entfernten. Sie suchten nach neuen Spaßlandschaften. Disco mußte zurückkehren in den Underground. Und einer der wichtigsten Motoren innerhalb dieser Subkulturen war und ist der DJ.

Komm nochmals zurück auf den Technokraten Grandmaster, den finde ich ganz wichtig.

DJs wie Grandmaster oder DJ Kool Herc, der 1978 den Breakbeat erfand, kamen aus dem Ghetto und mußten sich jeden technischen Fortschritt selbst erkämpfen. Aus diesem Kampf heraus entstand ein vertrautes Verhältnis zur Technologie, das fortan Hip Hop, später auch House und alle anderen Formen der DJ-Musik zur bekennenden Hardware-Poesie werden ließ. DJs gaben ihren Plattenspielern sogar Kosenamen wie „Wheels of Steel“ oder „One and Twos“.

Nach Grandmaster und Kool Herc tauchte dann DJ Afrikan Bambaataa auf. Der benutzte als erster den Sampler so um 1981, und damit brach der zweite Schub der DJ-Technologie über die Welt, oder?

Ja, aber der Sampler war keine Erfindung eines kreativen Ghetto-DJs, sondern ein Produkt digitalen High-Techs, das für die Hip-Hop-Musiker erst erschwinglich wurde, als sie ihre unfreiwillige Isolation im Ghetto aufgeben konnten.

Mit Hilfe von Sampler und Sequencer waren Loops endlos wiederholbar und die Breakbeats, das Scratchen, Mischen und Backspinning für den DJ keine schweißtreibende Fleißarbeit mehr.

Genau, wie die Malerei mit der Erfindung der Fotografie andere Aufgaben als die der Repräsentation finden mußte, so konnte sich der DJ nun noch mehr um die musikalische Ausschmückung der Breakbeats kümmern. Mit dem Sampling beginnt nicht nur ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Hip Hop, sondern in der DJ-Culture und in der Popmusik überhaupt. Die Umkodierung der Plattenspieler und Mixer war bei Hip Hop von einer kleinen Gemeinschaft in der Bronx vorgenommen worden. Als Rap den Rest der Welt erreichte, begannen Musiker und DJs in Europa und den USA, den orthodoxen Old-School-Stil von Grandmaster und DJ Herc zu modifizieren, bis hin zu den komplett eigenständigen Werken von Soul II Soul und Massive Attack. Die individuelle Aneignung der Technologie war ein entscheidendes Merkmal für die Diversifizierung der DJ-Musik, wie sie nach 1987 stattgefunden hat.

Aber da war doch noch was anderes. Der Eroberungsfeldzug des Pop durch den DJ hatte nicht zuletzt damit zu tun, daß innerhalb kürzester Zeit die neue Technologie, daß heißt Sampler, Computer und Mixer, finanziell erschwinglich wurde.

Genau. Teenager bauten in ihren Wohnungen kleine Ministudios zusammen, das ist der große Moment. DJ-Logen wie MARRS, Bomb The Bass oder Coldcut sind die ersten Exemplare dieser „Bedroomproducer“, die seit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre zu Tausenden auftauchen und ihre Stücke an kleine Independent-Labels verkaufen. In der rasch wachsenden Dancefloor-Kultur traten diese DJ-Produzenten an die Stelle, die die Gitarrenbands in der Rockkultur eingenommen hatten. Wenn früher die meisten coolen Jungs davon träumten, Sänger oder Gitarrist einer Rock-’n‘-Roll-Band zu werden, so träumten sie jetzt davon, DJ zu sein und auf Partys und in Klubs Platten aufzulegen und tagsüber am Computer neue Songs zu komponieren.

Selbstbestimmung & Selbstbefreiung

Der rauschhafte Tanz, wie er jetzt überall, ob auf der Alp oder in der Großstadt, bis zur Ekstase zelebriert wird, hat ja zu einem neuen Kult geführt, der als „techno-shamanic“ bezeichnet wird. Fasziniert bemerken die Techno-Rebellen, daß die bevorzugte BPM-Zahl – Beats pro Minute – von 120 genau dem Herzschlag eines Babys im Bauch der Mutter entspricht. Über solche Verweise wird dann die ganze High-Tech-Kultur auf einen schlichten Humanismus zurückgeführt.

Im Rausch von Computermonitoren, im Delirium gesampelter Melodiefetzen und geplündeter Datenbanken sehnen sich die Techno-Rebellen, sozusagen als Neo-Hippies, nach der Menschlichkeit. Das ist alles. An diesem Punkt findet vielleicht der Rückbezug auf die abendländische Geistesgeschichte statt, den du dir vielleicht so wünschst. Dem DJ sind alle diese Gedanken ziemlich egal. Sein reflektierter, selbstbestimmter und selbstverständlicher Umgang mit neuester Technologie macht ihn nicht zum Totengräber des Subjekts, sondern er ist die Triebkraft der Selbstbefreiung in einer komplett entfremdeten Umwelt.

Du belegst in deinem DJ-Buch, daß die Zukunft kultureller Produktion, wie sie die Philosophen Foucault, Barthes, Deleuze, Guattari und andere gewünscht haben, längst angefangen hat. Die Fragen „Wer spricht hier eigentlich?“ und „Ist das auch er und kein anderer?“ sind in der DJ-Culture – bis auf die Rechtsabteilung der Plattenfirmen, die sich um das Copyright kümmern müssen – unwichtig geworden.

Der DJ-Mix macht alle gleich wichtig und unbedeutend zugleich. Die größere Einheit „Rave“, „Party“, „Klubabend“ ersetzt den Respekt vor den Einzelwerken. Es spricht der DJ, aber auch das ist nicht so wichtig, wenn man nur schwitzt zu den Beats, die aus dem Subwoofer strömen. Das heißt jetzt aber nicht, daß das Subjekt tot ist. Sondern einfach nur deutlich relativiert und von der Schwere der Einzigartigkeit befreit. Das Subjekt ist freies Forum von Einflüssen jeder Art, deren Mischung und Konsistenz so etwas wie einen augenblicklichen Zustand des Subjekts bestimmt. Der Mix ist alles.

Du behauptest zum Beispiel, daß die Musik der DJ-Culture auf der Suche nach Geräuschen und der absoluten Musik nie in minimalistische Sackgassen gerät. Wieso bist du dir da so sicher?

Nichts ist sicher. Aber ich bin überzeugt, daß es viel zu entdecken gibt, das in der DJ-Musik entweder noch nicht gehört oder verbunden wurde. Shaheed von der Hip-Hop-Band A Tribe Called Quest sagte einmal: „Ich war mir gar nie bewußt, wie wenig ich über Musik weiß. Und es gibt nichts Schöneres, als wenn ich in den Klub gehe und den Leuten zeigen kann, welche Formel ich da und da benutze.“

Madonna, Mode & X-Large

Was wir da gerade aus deinen Lautsprechern hören, ist doch ein Madonna-Remix?

Madonna ist im Dancefloor-Bereich herausragend. Immer arbeitet sie mit den besten DJs, den besten Produzenten, immer auf der Höhe der Zeit. Bei diesem Dance-Mix ist Madonna zum Beispiel mit Björk und Leuten von Soul II Soul und Orbital vertreten, das ist eine große Summe von phantastischen und wichtigen Formeln. Soviel ich weiß, haßt du Madonna.

Ich finde Madonna wichtig.

Glaube ich dir nicht.

Ich mag Madonna.

Glaube ich dir nicht.

O.k., ich mag Madonna nicht, erschieß mich …

Weißt du, die Diskussion um die Vermassung und den Ausverkauf von Techno geht mir so auf die Nerven, weil alle vergessen, daß es – wie im Underground – immer Trivialisierungen geben wird, die nur saublöd sind, oder Sounds, die alles auf einen Punkt bringen. Whigfield finde ich dafür ein gutes Beispiel, Madonna finde ich ganz groß, Snap in diesem Zusammenhang ebenso – also ich sehe Mainstream-Produktionen, die phantastischen Sound liefern, und eine meiner Lieblingsplatten ist weiterhin Technotronic. Und darum spiel‘ ich dir jetzt mal den Sound eines House-Labels wie Definitiv vor, in das ich dein geliebtes „ring my bell“ gemischt habe … Spürst du das? Einfach phantastisch. Zwischen diesen Sounds liegen Jahrzehnte, aber es funktioniert. Das zeigt eben, daß die DJ-Culture eine einzige große Familie ist.

Mode ist für diese Familie besonders wichtig. Der deutsche Star-DJ Westbam hat mal behauptet, daß ein Raver 2000 DM im Monat ausgeben muß, damit er mithalten kann …

Mode ist für die DJ-Culture sehr wichtig. Das Nachtleben lebt vom Schein. Und nur wenn der Schein wirklich clever, strahlend schön oder gekonnt gemein ist, strahlt das Leben um das DJ-Pult.

Wie zu Zeiten des Punk werden doch Innovationen trivialisiert. Am Ende steht dann der Werbespot einer Bank mit Breakbeats, Computergrafiken und einem Jugendlichen mit Baseballmütze.

In elitären Zirkeln in London, New York, Tokio und vielleicht auch Berlin und Zürich werden die Richtlinien für die markanten Zeichenverschiebungen innerhalb der Subkultur immer neu definiert. Firmen wie Goodenough, Acupuncture, Hysteric Glamour oder X-Large halten ihre Zirkulation bewußt niedrig, um den Kreis ihrer Kunden in Proportionen zu halten, die jeglicher Form von Trivialisierung vorbeugen soll …

Das zeugt aber nicht gerade von Familiensinn.

Auch wenn diese Schutzmechanismen immer wirkungsloser werden, bleibt doch das Echte immer von den vielen Verfälschungen unterscheidbar.

Leben in der DJ-Zukunft

Wer sind denn eigentlich nach deiner Meinung die wirklichen großen Popstars der DJ-Culture. Gibt es sie überhaupt?

Francis Grosso im Disco, DJ Kool Herc im Hip Hop und Sven Väth im Techno, obwohl Väth ja mehr eine Galionsfigur des Raves wurde und mich seine Musik gar nicht so interessiert. Viel wichtiger als der Starmechanismus sind jene DJs, die über ihr Starsein der Musik, die sie propagieren, zum Durchbruch verhelfen. Darum interessiert mich ein DJ wie Westbam mehr, weil er intellektueller ist. An dem alten Ruhm, wie ihn Pop kannte, ist Westbam nicht interessiert. Ganz anders dagegen Sven Väth. Er ist der größte Popstar unter den DJs.

Ich halte ihn für einen Club-Méditerrané-Einpeitscher.

Das Ekstatische der Kultur im humanistischen Geist ist von DJs wie Sven Väth wiedererweckt worden. Als Teil der Popkultur sind durch diese DJs der Glaube an das Gute im Menschen und die berechtigte Hoffnung auf ein beglückendes, erfülltes Leben im gesunden Miteinander zu anderen Menschen wiedererstarkt. Die Love Parades in Berlin und Zürich sind dafür das mächtigste Monument der DJ-Culture – eine Mischung aus Demonstration, Party und Kirchentag.

Einer der politischsten Teile deines Buches befaßt sich mit dem Leben in der Subkultur und der DJ-Zukunft. Da zitierst du den Hegel, wie er sich an die Französische Revolution erinnert. Hegel war damals 19 Jahre alt – perfektes Raver-Alter. Hegel schreibt: „Alle denkenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert.“

Für mich ist klar: Der Erfolg der DJ-Culture hilft, den Widerstand gegen die herrschende Moral und das herrschende System zu popularisieren. Das ganze Hegelsche System ist eine Maschine der Zuversicht und Hoffnung. In ihr arbeitet das Wissen, daß eine Revolution möglich ist, daß Unrecht nicht Unrecht bleiben muß und „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ keine Leerformeln sind. Und wie sehr der DJ bei dieser Revolution dem Underground verbunden bleiben muß, will ich beweisen …

… und das Mischpult des DJs steht im Mittelpunkt dieser Revolution.

Du hast es erfaßt.

(c) Das Magazin (Zürich), Nr. 46/1995. Leicht geänderter Abdruck mit freundlicher Genehmigung.