Essay · S. 403
Essay , 1991

Der neue Multiple-Boom und die alte Ideologie

Ein Kommentar von Karlheinz Schmid

Unvergessen: der Plastiker und Kunsterzieher Konrad Quillmann aus Hanau. Vor zwanzig Jahren brachte er seine Acrylglas-Stelen, jene von ihm seriell angelegte Lichtbrechungsakrobatik, dank normaler Zahnpasta auf Hochglanz – und erntete damit, auf den ersten Kunstmessen, die Anerkennung des halben Karl-Rehbein-Gymnasiums. „Unser Lehrer – ein Kunstmarkt-Star“, so berichteten wir, ganz stolz, zu Hause am Küchentisch. Dabei ließen wir die für uns völlig neue Vokabel „Multiple“ so genüßlich übers Tischtuch gleiten, daß sämtliche Suppenteller, ebenfalls multipel vorhanden, ins Wanken gerieten. „Das Multiple“, so dozierte ich, „kommt aus dem Französischen und bedeutet: in mehreren Exemplaren hergestelltes Kunstobjekt.“ Dann garnierte ich mit Walter Benjamin, und schon ahnten meine Eltern, daß die Avantgarde das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit in eine soziale Dimension trieb. Auflagenobjekte, damals so aktuell wie heute wieder, hatten freilich nicht nur die Funktion, den jungen Sammler mit kleinem Geldbeutel allmählich süchtig zu machen, ihn später als echten Kapitalanleger wiederzusehen. Das Multiple, so wußten wir bald, schmarotzt wie ein Bandwurm. Denn was auch immer in jenen Jahren in Sachen Innovation ausgeschieden wurde, es war gerade gut genug, um vervielfiltigt zu werden: Pop oder Zero – das war egal. Hauptsache: Auflage, mitunter inflationär.

Heute, auf der Zielgeraden ins Jahr 2000, erlebt dieser Auflagenkunst-Boom eine gefährliche Wiedergeburt. Die ganze Branche, ungeduldig vom langen vergeblichen Warten auf den überfälligen neuen Stil, fordert nämlich den Kaiserschnitt, den schnellen Erfolg. Keine Zeit für die sanfte Methode. Niemand will sehen, wie die Kunst wächst, was zählt sind die…

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