Dossier · S. 134
Dossier , 1983

Die Glaskugel, in der es schneit

Ein Film-Motiv in neuer Lyrik

von Harald Hartung

Als – in Orson Welles‘ Film Citizen Kane (1941) – der Pressekönig Kane in seinem Palast Xanadu stirbt, hält er eine Glaskugel in der Hand, in der ein vom Schnee eingehüllter Schlitten zu erkennen ist. In der nächsten Einstellung kommt der Mund Kanes groß ins Bild. Seine Lippen bewegen sich, und er murmelt ein Wort: Rosebud (Rosenknospe).

Von dieser rätselvollen Szene her rollt der Film die Lebensgeschichte eines einsamen Erfolgsmenschen auf, der in seinem Kampf für Recht und Gerechtigkeit seiner nächsten Umwelt und sich selbst /um Verhängnis wird. Als Kanes zweite Frau, die er /ur großen Sängerin hat machen wollen, ihn verläßt, verwüstet er in einem Tobsuchtsanfall ihr Zimmer. Er hält erst ein, als er die Glaskugel erblickt und nimmt sie fasziniert in die Hände. Wiederum flüstert er das Rätselwort, und Tränen stehen in seinen Augen. Eine der Figuren im Film vermutet: „Vielleicht war Rosenknospe irgend etwas, was er gerne haben wollte, oder was er einmal verloren hatte. Ich glaube, man kann das Leben dieses Mannes überhaupt nicht mit Worten erklären. Keinesfalls. Ich glaube, Rosenknospe ist nur eines der Mosaiksteine, die uns für das Bild noch gefehlt haben“.

Eine Auflösung, wenn auch nicht Erklärung ergibt sich für den Zuschauer am Schluß, als in einem Kellergewölbe allerlei Dinge aus Kanes Nachlaß verbrannt werden. Auf einem brennenden Schlitten liest man das Wort Rosebud und erinnert sich der Szene aus Kanes Kindheit, in der er im Schnee vor dem heimatlichen Haus spielte und sich,…

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