Dossier · S. 125
Dossier , 1983

Schneeflocken

von Walter Grasskamp

In Hans Jürgen Syberbergs Film Parsifal wird den Gralssuchern am Ende eine Glaskugel präsentiert, in der ein Modell des Bayreuther Festspielhauses zu sehen ist, wie es, noch eingerüstet, im Schnee liegt. Dies ist nicht die einzige Glaskugel, die in diesem Film eine Rolle spielt. Ein glasüberwölbtes Labyrinth, in dessen Zentrum ein Baum steht, ist den Besuchern des Films ebenso erinnerlich wie denen der documenta 7 1 noch in der Zeitschriftenwerbung für den Videomitschnitt des Films schaut Kundry in eine Glaskugel, auf deren Boden die Totenmaske Richard Wagners zu sehen ist.

Dies ist auch nicht der einzige Film, in dem die Glaskugel eine Rolle spielt. Seit Orson Welles dem sterbenden Bürger Kane eine der Glaskugeln, in denen es schneit, aus der Hand fallen ließ, ist das Kitschobjekt für den anspruchsvollen Film kein Unding mehr: „Eine junge Frau aus Sizilien, von einer Kugel getroffen, phantasiert sterbend ihre Retter herbei: fröhlich grinsende Sizilianer aus Brooklyn – die haben ihr in einer Glaskugel eine kleine Freiheitsstatue mitgebracht, um die sich, wenn man sie schüttelt, ein wirbelnder Schneesturm erhebt. Dann ist die Frau tot.“2 So schildert Urs Jenny eine Szene aus dem Film Die Nacht von San Lorenzo der Brüder Taviani, eine Szene, die aufs Neue die unscheinbare Schneekugel ins Spiel bringt, als es ums Sterben geht.

Nichts scheint weniger geeignet als solch ein Kitschobjekt, um angesichts des Todes zitiert zu werden, es konterkariert auch keineswegs das Pathos, den solche Filmszenen kaum vermeiden können, eher scheint es die aufkommende Rührung durch Rührseligkeit zu gefährden und…

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