Dossier · S. 123
Dossier , 1983

Über Schneegestöber

von Uli Ludewig

Mein Vater hat mir früher oft ein simples Schauspiel vorgeführt. Er nahm dazu eine Flasche, warf einige Streichholzköpfe hinein und füllte die Flasche mit Wasser. Dann verschloß er den Flaschenhals mit seinem Daumen und die Streihholzköpfe stiegen auf den Druck seines Daumens wie Fahrstühle in der Flasche auf und ab. Da war ich ungefähr 7 oder 8 Jahre alt und fand das äußerst interessant.

Etwas ähnliches konnte ich später bei den Schneegestöbern oder Schneekugeln beobachten, die Onkel und Tante bei ihren Besuchen als Geschenk mitbrachten. Man schüttelte die Plastikdinger ein paarmal, der Schnee sank langsam auf die Schwarzwaldlandschaft mit Rehen und Hirschen oder ein Segelschiff vor der Palmeninsel. Der Effekt der Schneekugeln war allerdings ziemlich schnell verbraucht und so wurden sie auf das Bücherregal zwischen die Karl-May-Taschenbuchausgabe und das Einmachglas mit Muscheln vom Nordseeurlaub gestellt und nur noch von Mutters Staubtuch berührt.

Viel später, als Diplom-Designer auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit, fing ich schließlich an, die Spielzeuglangweiler von damals zu sammeln, denn etwas hat mich immer noch an den Dingern interessiert. Zuerst sicher der Spaß am Kitsch und dann die Darstellung der komisch-irrealen Szenerien; es schneit ja genauso auf die Teneriffakamele wie auf die Wasserskifahrerin oder das phosphoreszierende Atomium und dann auch noch unter Wasser! Assoziationen zum Film 2000 Meilen unter dem Meer oder dem Mythos der in der Ostsee versunkenen Stadt Vineta stellten sich ein. Als aktuellstes Beispiel sei hier nur an die künstlichen Unterwassergärten von Jürgen Claus erinnert.

Die Geschichte der Herstellung von Miniaturwelten unter oder…

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