Monografie , 1983

Erich Reusch in München

Variationen über einen Weg und zwei Felder

von Manfred Schneckenburger

Die Nostalgienester, zu denen wir inzwischen jeden ornamentierten Häuserblock aufputzen, sind im Wachsen. Die optische Verkümmerung unserer Städte durch Billigbauten und den Terror des Verkehrs trieb uns zwangsläufig in die Arme der Restauration. Wir erkennen, warum dieser Begriff gleichzeitig eine historische Epoche, eine politische Haltung und die tüftelnden Hände in den Museumswerkstätten abdeckt. Stadtgestaltung findet fast nur noch als Denkmalpflege statt

– mit den Lösungen von gestern als Scheinlösungen von heute. Für morgen sind wir im Verzug.

Der Preis für die schnuckeligen Nester ist u.a. auch eine zeitgenössische öffentliche Kunst. O ja, es gibt sie

– sie vermittelt Wahrnehmungserfahrungen, die den dekorativen Historismus als Heimatfilm-Kultur und nach außen drapierte Gute Stube erscheinen lassen. Sie verändert die visuellen Strukturen (nicht Oberflächen) unserer Umgebung und gibt ihnen eine psychophysische Substanz. Sie rhythmisiert Räume und organisiert Wege, Achsen, Flächen, Plätze. Sie ist fähig, Umwelt zu erschließen, auszuformulieren oder kritisch zu korrigieren. Aber sie erhält immer weniger Chancen.

Zum Beispiel Frankfurt. Für den Platz vor der Alten Oper schlug Norbert Kricke 1919 einen Wasserwald vor. Säulen aus Plexiglas, an denen das Wasser steigt und fällt. Ein Refugium aus Strukturen und Reflexen, dessen Allegro mit einem strengen Formwillen verschmolz. Eine Lösung, die sich ebenso festlich aus der Umgebung heraushob wie sie sich perfekt in sie einfügte. Eine hochkarätige Jury gab dem Vorschlag den ersten Preis. Die technischen Probleme waren zu bewältigen. Dann wurde in einer Archivschublade ein – vermutlich verworfener – Brunnenentwurf des 19. Jahrhunderts aufgestöbert. Die Politiker…

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