Dossier , 1983

Verhaltensweisen und Verhaltensverhältnisse

von Walter Seitter

Als neulich der Taxifahrer „Politikwissenschaft“ hörte, meinte er geringschätzig und vielwissend, das müsse wohl so eine Wissenschaft sein wie die von den Launen des Wetters. Tatsächlich besteht hier zur Geringschätzung wenig und zur Vielwissendheit viel Anlaß: vieles, vielerlei, Vielfältiges, Vielgestaltiges, Vielstimmiges steht da an, um gewußt zu werden. Hat man nämlich einmal darauf verzichtet, die Realität des Politischen auf irgendwelche wie auch immer tiefen oder hohen oder umfassenden Wurzeln oder Erhabenheiten oder Einheiten zurückzuführen, dann sieht man sich tatsächlich den „Launen des Wetters“ ausgeliefert: einem bleibenden Kommen und Gehen von Luftzügen, Nebelstäubchen, Wassertropfen, Sonnenstrahlen, Hagelkörnern oder Schneeflocken. Gewiß sind auch diese Einheiten keine letzten Elementarteilchen sondern eben Päckchen, wie sie unserer Alltagswahrnehmung vertraut sind oder von unserer Sprache geschnürt worden sind. Sie alle können wissenschaftlich weiter zurück analysiert werden, wobei sich dann zwischen einigen . von ihnen „substantielle“ Identitäten herausstellen mögen – ohne daß dadurch ihre unterschiedliche Wetter-Wirksamkeit „aufgehoben“ würde. Es ist nun einmal nicht dasselbe, ob „Wasser“ in Form einer weißen Wolke durch den blauen Himmel zieht oder als Regen herunter gießt oder in Form von tausenden von Schneeflocken herantänzelt. In der anderen Richtung sind die oben genannten Einheiten dahingehend weiterzubestimmen, daß sie in Großformation auftreten, wodurch sie ihre Art-Bestimmung überhaupt erst ausprägen können. Eine Schneeflocke allein wäre kaum als Schnee-Flocke zu charakterisieren und identifizieren, weil sie allein zwar eine bestimmte Materialität und eine Kristallstruktur und dergleichen mit sich brächte, aber kaum die Qualität der „Schneeheit“ zustandebrächte, die in ihrer Weichheit und Weißheit eben erst…

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