Monografie · von Cornelia Gockel · S. 274
Monografie , 1999

Cornelia Gockel

Die Spur des Gastes

ÜBER IRIS HÄUSSLER

Schlaflos wälzte er sich in seinem Bett. War da nicht ein Geräusch an der Zimmertür? Sein Blick wanderte durch das nächtliche Hotelzimmer, fiel auf den geöffneten Koffer, in den jemand eilig Wäsche gestopft hatte, und blieb schließlich an dem gestreiften Herrnpyjama auf der ungemachten Seite seines Doppelbettes hängen. Vielleicht hätte er sich doch besser nicht darauf einlassen sollen, als ihm der Hotelportier vorschlug, ein Doppelzimmer mit einem fiktiven Gast zum Preis für ein Einzelzimmer zu beziehen. Jetzt in der Dunkelheit fühlte er sich seinen Phantasien schutzlos ausgeliefert.

Die Münchner Künstlerin Iris Häussler hatte in Leipzig im Winter 1995 das Blind Date mit einem fiktiven Hotelgast arrangiert, auf das sich Gäste, die im Hotel Leipziger Hof nach einem Einzelzimmer verlangten, einlassen konnten. Das Hotelzimmer als Ort der Passage – Menschen verbringen dort eine kurze Zeit, ihre Hinterlassenschaften werden entfernt, um dem nächsten Gast wieder einen neutralen Raum ohne Erinnerung und Geschichte zu präsentieren. „Das Hotel ist eine Service-Station und wir bezahlen gern dafür, nicht auf eventuelle Spuren unserer Vorgänger zu stoßen. Ein Teil des Preises ist, zu wissen, daß die eigenen Spuren auch getilgt werden“, sagt Iris Häussler. Manchmal jedoch findet sich ein Haar, das sich um den Abfluß des Waschbeckens kräuselt, ein zerknülltes Tempotaschentuch unter dem Bett, oder eine zerlesene alte Zeitschrift im Nachttisch, die den Gast unliebsam an die Gegenwart anderer erinnert. In ihrer Arbeit „Huckepack“ in Zimmer 408 des Hotels Leipziger Hof legte Häussler bewußt Spuren eines fiktiven Gastes, an denen sich die…

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