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Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 42 - 45
Fragen zur Zeit ,

Fragen zur Zeit
Eigensinn und Nullsummenspiel

Warum die Wahl von Maria Eichhorn zu Venedig passt und die Künstlerin doch nicht zum Zuge kommen könnte
Michael Hübl

Manchmal spenden Namensnennungen Trost. Wecken Hoffnung. Stimulieren Zuversicht. Als bekannt wurde, dass Maria Eichhorn bei der 59. Biennale di Venezia den Deutschen Pavillon bespielen soll, klang das wie eine Fanfare des Aufbruchs. Es geht voran. Zwar war die Esposizione internationale d’arte turnusgemäß für 2021 propagiert. Als sich aber abzeichnete, dass Covid 19 Planungen lähmen, Vorbereitungen behindern würde, disponierte man frühzeitig um und verschob das venezianische Großereignis um ein Jahr. Nun ist 2022 angepeilt. Die Benennung Eichhorns wirkte wie die Bekräftigung dieses Termins.

Für die einstige Handels- und Machtmetropole, die ihre längst verlorene geopolitische Rolle durch ein Renommee als überreicher Kulturort kompensiert, bedeutet die Aussicht auf die Rückkehr zur gewohnten Attraktions-Agenda, dass demnächst ein Ausnahmezustand sein Ende nähme, wie ihn die Stadt zuletzt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebt haben dürfte. Damals kehrten die Touristen – Franzosen, Österreicher, Deutsche, Amerikaner, Russen – Venedig schlagartig den Rücken.1 Mitte April war die 11. Biennale eröffnet worden, und nicht einmal die Pessimistischsten unter den Kunstfreunden und Festgästen, Ballbesuchern oder Bildungsbürgern werden geahnt, geschweige denn eine Vorstellung davon gehabt haben, dass am 31. Oktober 1914, dem offiziellen Schlusstag der vorerst letzten Biennale, bereits drei Monate lang ein Krieg toben würde, der sich zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts auswachsen sollte. Für die einstige Serenissima, die „Durchlauchtigste Republik“ des Mittelmeers, begann eine lange Phase des Niedergangs. Zunächst brach die Wirtschaftsleistung ein. Doch es…

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