Titel: Das Gartenarchiv , 1999

Francesco Mariotti

Leuchtende Farbigkeit wirkte wohl von jeher magisch anziehend und mythenbildend auf den Menschen, der selbst als „Zwitterwesen, halb Natur und halb Kultur, seiner Umwelt ambivalent gegenübersteht“ (Paolo Bianchi).

Er läßt sich vorbehaltlos locken von den glitzernden Edelsteinen und zerstört für ihren Besitz seine natürlichen Lebensgrundlagen. Ihm, dem aus der sogenannten Zivilisation kommenden Menschen, ist der Urwald mit den leuchtenden Orchideen und flirrenden Kolibris Nebensache, wenn Profit lockt.

„Der hybride Garten“ von Francesco Mariotti ist Ausdruck seiner tiefgreifenden kritischen Sicht auf die gegenwärtige Entwicklung von Mensch und Natur. An einem künstlich geschaffenen Wiesenhang am Druckereizentrum der Neuen Züricher Zeitung in Zürich-Schlieren, einer sogenannten naturbelassenen Wiese, auf der sich alle Pflanzen wild ansiedeln dürfen (aber wieder nach dem Willen des Menschen), hat Mariotti ein paradies artifiziell installiert. Auf Plastikrohre hat er verschiedenfarbige Pet-Flaschen gepfropft (das Pfropfen als gärtnerische Arbeitsweise des eingreifenden Menschen kann ja auch Hybriden schaffen), in denen LED-Chips blinken und die nun gemeinsam Stengel, Blüten und Fruchtkörper bilden. In ihnen ist die Glühwürmchen-Idee auf ideale Weise aufgehoben und kann innerhalb des künstlichen Gartens fortleben. Das Ballett der tanzenden und tönenden Lichter, das von der Hauptverkehrsstraße aus „musikalische“ Unterstützung erhält, gerinnt zur Beschreibung des Verhältnisses von Technik und Natur in der postindustriellen Gesellschaft. Allerdings: „Im Zeitalter der fortschreitenden ökologischen Desaster beschwören Mariottis LED-Installationen keinen regressiven, anti-technischen Pessimismus, sondern redefinieren die Beziehungen von Kunst und Mythos, von Technik und Natur im witzigen, kreativen Umgang mit elektronischen Versatzstücken.“ (Volker Schunck)

Mariotti probt damit nicht die Verführungskunst glitzernder Edelsteine, sondern eher eine Hinführungskunst, gesellschaftliche Kontexte besser…

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von Jörg-Heiko Bruns

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