Titel: Künstlerpaare II · S. 150
Titel: Künstlerpaare II , 1990

Gilbert & George

Der kleine Gilbert, 1943 in Südtirol geboren, und der große, um ein Jahr ältere George aus Devon erteilten sich ihre Weihen selber. An der St. Martin’s School of Art faßten sie 1967 den Entschluß, fortan ihre radikale Kunstgläubigkeit zusammen zu praktizieren. Die beiden, eine künstlerische Zweifaltigkeit, verstehen seither ihr Leben als eine einzige Skulptur. Anfangs bemalten sie als „Living skulpture“ ihre sichtbaren Körperteile mit Bronzefarbe und sangen als „Singing Sculpture“ in einem viktorianisch anmutenden Ritual über Jahre hinweg bis zu acht Stunden täglich das Kinderlied „Underneath the Arches“. Die Präsentation der letzten großen „Travelling Show“ (1986/87) von Gilbert und George (mit Stationen in Bordeaux, Basel, Brüssel, Madrid, München und London) ließ „die Assoziation mit einer weltlichen Kunst-Kathedrale durchaus nicht abwegig“ erscheinen, wie Max Wechsler in seinem nachfolgenden Aufsatz treffend notiert. Christliches haben die beiden Herren aus London besonders gern: herbstliche Kreuze, Kreuze aus Rosen und solche aus weniger Duftendem („Shit Faith“); immer wieder sieht man auch Bilder von Gilbert und George als knienden Betern. Mönche sind sie gewiß: Kunst-Mönche, die sich seit über zwanzig Jahren ergeben ihrer Kunstreligion unterwerfen. Ehemals als „Living Sculpture“ in den späten sechziger Jahren in den vordersten Reihen der Avantgarde marschierend, verfechten Gilbert und George heute ein pseudokonservatives Kunstverständnis. Sie fordern „Art for all“. Was ihnen ihre Kunst bedeutet, haben sie in bibelspruchähnlichen Geboten festgehalten (siehe Kasten). Da heißt es: „Wir wollen unser Blut, unser Hirn und unseren Samen verspritzen im Dienste unserer lebenslangen Suche nach neuen Bedeutungen und neuem Sinn für das Leben.“

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1972…

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