Magazin: Kulturpolitik · von Marius Babias · S. 462
Magazin: Kulturpolitik , 1999

Marius Babias

Hallo, Berliner Republik!

Mit Mauerkellen und Schaufeln bewaffnet, ziehen die Helden der Arbeit die Stalinallee entlang. Die Bauarbeiter-Kolonne wächst zum Menschenstrom und ergießt sich Richtung Alex. Der Aufruhr an diesem 17. Juni 1953 wird von russischen Panzern gestoppt.

Die Berliner Republik ist ein fragiles Gebilde, das jedesmal einstürzt, wenn man an seinen Fundamenten rüttelt. Aber nach jedem Einsturz baut sich die Hauptstadt wieder neu auf, als wäre ihre Zerstörung zugleich die Triebfeder ihres Neubeginns. Die Berliner Republik ist auferstanden aus den Ruinen vom 17. Juni 1953, ein im nachhinein zum Ursprungsmythos der „Wiedervereinigung“ umgedeutetes Ereignis. Heute verlaufen die Konflikt- und Definitionslinien nicht mehr so blutig, dafür aber um so symbolischer und emotionaler. Ob „Planwerk Innenstadt“, Stadtschloß oder Holocaust-Mahnmal – die sozialen Beschädigungen dieser Debatten haben zugleich auch neue Rangordnungen des Urbanen hervorgebracht. So entstand die Neue Mitte aus den Erosionen der sozialen Ränder, ein Sammelbecken von Verunsicherten und Unzufriedenen, aber auch von Berlin-Optimisten, eine amorphe urbanistische Masse, die den Formwillen der Politiker geradezu herausfordert.

Es ist ja nicht so, daß ein neuer Wohlstand ausgebrochen wäre, nur weil der Potsdamer Platz blitzblank in der Frühlingssonne glänzt. Auch die allenthalben an städtebaulich neuralgischen Punkten neueröffneten Arkaden, Multiplex und Einkaufspassagen geben zunächst ein falsches Versprechen auf Aufschwung. Dennoch sind sie da, und das genügt, um anzuzeigen, daß heute Sauberkeit und Ordnung herrscht, wo früher Unordnung, Schmutz und Brachen waren. In den Worten des Berliner CDU-Chefs Klaus-Rüdiger Landowsky: „Wo Müll ist, sind Ratten, wo Verlosung herrscht, ist Gesindel.“

Das architektonisch aufpolierte, aber sozial immer unübersichtlicher gewordene Stadtbild…

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