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Gespräche mit Künstlern · S. 180 - 191
Gespräche mit Künstlern , 2016

Heike Ruschmeyer

Viele Bilder male ich aus einer Wut heraus, weil ich nicht weiß, wohin damit
Ein Gespräch von Matthias Reichelt

Heike Ruschmeyer gehört zu den Ausnahmen im deutschen Kunstbetrieb. Sie malt verstörende Szenen von Tod, Suizid, Gewalt, Terroranschlägen, Beerdigungen und Missbrauch. Nie hat sie sich Moden unterworfen oder dem Zeitgeist angepasst. Ihr Blick gilt der gesellschaftlichen Wirklichkeit und lässt sich auch nicht von bunten Fassaden ablenken. In ihrem Fokus liegen die öffentlichen Tatorte rassistischer Gewalt von Rostock-Lichtenhagen bis Köln ebenso wie die intimen und äußerst bedrückenden Szenen aus Kinder- und Schlafzimmern. Ruschmeyer interessiert sich für die Verlierer der Gesellschaft, denen sie sich nahe fühlt. Ihre Malerei ist Kritik an den sozialen Verhältnissen, die sie auch in Texten übt. Matthias Reichelt besuchte Heike Ruschmeyer Anfang Dezember 2015 in ihrem Atelier auf dem Künstlerhof Frohnau in Berlin.

Warum hast du immer so düstere Themen: Missbrauch, Tod, Gewalt, Mord, Selbstmord, vermisste Kinder. Gibt es dafür eine persönliche Disposition?

Mir ist nichts Anderes eingefallen. Aber es ist bestimmt auch in meinem Elternhaus begründet. Meine Eltern sind Jahrgang 1927/1929 und mein Vater wurde Anfang 1944 noch als Luftwaffenhelfer eingezogen. Dann folgten Arbeitsdienst und Ende 44 Heeresdienst. Mein Vater war Zeit seines Lebens so gut wie stumm, und meine Mutter weinte von Zeit zu Zeit. Dabei hörte sie nicht auf, mir das Grauen des Zweiten Weltkriegs immer wieder wortreich in geradezu plastischen Bildern zu beschreiben. Zudem waren die ersten fünf Jahre meines Lebens begleitet vom qualvollen Sterben meiner Tante an Lymphdrüsenkrebs.

Dein Vater hat gar nichts vom Krieg erzählt?

Kaum. Nur dass er einmal im Kampf auf einem Friedhof in völligem Nebel stand. Dann Lazarett in Berlin und anschließend Flucht über die Elbe. In Schleswig-Holstein kam er für kurze Zeit in britische Gefangenschaft. Danach hat er das Hut- und Mützenmachergeschäft seines Vaters übernommen. Mein Vater war gelernter Mützenmacher und Kürschner. Da habe ich schon früh die schwierige Existenz des Freiberuflers erfahren.

In deinen Texten beschreibst du deine Abneigung gegenüber Sonntagen oder Wochenenden. Ist das deine Antipathie gegen die Kleinstadt, in der du groß geworden bist?

Stadt ist übertrieben. Flecken nannte man das, so was zwischen Dorf und Kleinstadt. Es gab Landwirte in Uchte, ein Ort gelegen am Rande des Großen Moores in Südwest-Niedersachsen, eine Gegend, die von Armut geprägt war. Die einzige Industrie war Torfabbau. Ich war das einzige Kind und sollte immer wie aus dem Ei gepellt erscheinen, besonders an Sonntagen. Ich wurde dann regelmäßig in ein kratziges, steifes Kleid gesteckt. Und dann erfolgte der obligatorische Sonntagsspaziergang. Ich hätte lieber am Küchentisch gesessen und gemalt. Also gearbeitet.

Hatten deine Eltern eine bestimmte Vorstellung, was aus dir werden soll?

Nein, mein Vater meinte nur: Mach, was du willst, aber bedenke, was du tust. Mein Vater hatte eigentlich drei Berufe gleichzeitig. Er hatte das Geschäft und hat in Heimarbeit Elbseglermützen für eine Fabrik in Bremen gefertigt für 1 DM pro Stunde. Darüber hinaus hatte er eine Annahmestelle für Fellgerbung und Tierpräparation. Er hat hart gearbeitet, um die Existenz der Familie zu sichern und um mir eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Sein Wunsch war es sicher nicht, dass ich eines Tages sein ohnehin schwieriges Geschäft übernehmen sollte. Meine Mutter hätte mich sicher gerne als nett frisierte Ärztin im weißen Kittel gesehen.

Wann ist bei dir der Wunsch entstanden, Malerin zu werden?

Mir blieb eigentlich gar nichts anderes übrig als zu malen. (Lacht)

Schon als Kind?

Ja, denn meine Mutter wollte nicht, dass ich mich schmutzig mache draußen mit Dreck und Moorschlamm. Sie gestaltete mir täglich eine Hochfrisur in Form einer Rolle auf dem Kopf, so dass ich draußen gar nicht herumtoben konnte.

So eine typische 1950er- und 1960-Frisur?

Ja, genau! Dirndl und Dutt wie bei „Heidi“, einem damals angesagten Kinofilm. Unerträglich! Anderen gleichaltrigen Freundinnen erging es ähnlich. Wieso man in Niedersachsen auf so etwas kam, ist mir bis heute nicht klar. Wahrscheinlich ein Erbe vom Obersalzberg, von dem schon Eva Braun im Dirndl heruntergewinkt hatte, allerdings ohne Dutt. Der Dutt wackelte immer beim Laufen. Also setzte ich mich an den Küchentisch. Ich bekam aber regelmäßig einen Aquarellmalkasten. Auf diese Weise war ich ruhig und beschäftigt. Und ich fand Gefallen am Malen.

Und später war dann klar, dass du Malerei studieren wolltest?

Mit 14 Jahren wurde ich erst einmal magersüchtig und wäre auch fast daran gestorben. Außerdem war ich soziophob, hatte Angst vor Menschen. Aber ich malte und das war auch eine Art Therapie für mich.

Was war der Grund für die Magersucht?

Ich glaube, ich wollte nicht so werden wie meine Mutter oder andere mich umgebende Frauen, obwohl ich großen Respekt habe vor ihrer Lebensleistung. Vielleicht wollte ich gar keine Frau werden, ich hatte damit große Schwierigkeiten. Irgendwann habe ich begriffen, dass das Malen ein Ausweg ist und habe auch wieder angefangen vorsichtig zu essen. Es war dann für mich klar, dass es für mich nichts Anderes gab als malen.

Du sprichst von dir als „dokumentarischer Maler“. Was ist dein Unbehagen an der femininen Form?

Ich bin Maler. Und nur Maler. Man kann nicht gleichzeitig im Grießbrei und in der Farbe rumrühren.

Malerei, so wie ich sie betreibe, erfordert Ausschließlichkeit.

Aber du bleibst doch Frau als Malerin und in die Behandlung deiner Themen fließen deine Erfahrungen als Frau ein.  

Meine physischen Voraussetzungen und Erfahrungen als Frau sind sicher andere als die eines Mannes und wirken sich nicht selten auf die Auswahl meiner Themen aus.

Hat sich deine Soziophobie irgendwann in deiner Berliner Zeit gebessert?

Ich hatte lange große Schwierigkeiten mit Menschen, z. B. bei Ausstellungseröffnungen. Das war ein Graus für mich. Im Lauf der Zeit hat sich das gebessert. Aber ganz frei davon bin ich auch heute noch nicht.

Du hast nach der Schule in Braunschweig studiert?

Ja, bei Alfred Winter-Rust und dann bei Emil Cimiotti in der Bildhauerei.

Warum bist du dann nach Berlin gegangen?

Es war kaum möglich in Braunschweig zu bleiben, es gab nur eine Galerie. Ich wollte da unbedingt weg und habe Cimiotti gefragt, wohin ich denn gehen könnte. Der hat mir Wolfgang Petrick an der Hochschule der Künste [heute UdK] in Berlin empfohlen. Das habe ich dann auch gemacht.

Bist du dort mit dem Bildatlas der gerichtlichen Medizin von Waldemar Weimann und Otto Prokop aus der DDR konfrontiert worden, oder schon in Braunschweig?

Den kannte ich in Braunschweig noch nicht. Allerdings hatte ich aber schon – es war ja Mitte der 1970er-Jahre als die RAF aktiv war und viele Fotos in diesem Zusammenhang veröffentlicht wurden – eine kleine Bildsammlung angelegt und eine Mogadischu-Serie gemalt. Da war klar, dass das eine Art von Realismus ist und Cimiotti sagte, „da gehen Sie am besten zu Petrick in die Klasse“, also zu einem „Berliner Realisten“. Petrick hat mir dann diesen Atlas geliehen. Seitdem arbeite ich damit.

Warum haben dich diese Bilder, also von Tatorten z. B. der RAF so angezogen?

Das war sehr schockierend für Menschen meiner Generation damals. Auch die merkwürdigen Umstände eines kollektiven Selbstmords in Stammheim. Das schien so unbegreiflich.

Du hast in den letzten Jahren auch die Tatorte rassistischer Pogrome wie in Rostock-Lichtenhagen und Mölln 1992 gemalt, oder Schauplätze des Terrors durch den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), der z. B. am 9. Juni 2004 in dem Kölner Stadtteil Mülheim eine Nagelbombe zündete, wodurch 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Welche Absicht verfolgst du?

Es ist ein Versuch, den „tiefen Staat“ zu begreifen. Jedes Mal denke ich, beim Malen könnte ich „dahinterkommen“. Natürlich gelingt das nicht. Es bleibt ein Versuch.

Schlägt die Beschäftigung mit Gewaltmotiven nicht auf die Psyche, oder ist das eine Befreiung?

Ich empfinde das als Befreiung. Viele Bilder male ich aus einer Wut heraus, weil ich nicht weiß, wohin damit. Da ist die Malerei ein Ventil, ich kann mich abreagieren und werde die Wut los, vorübergehend jedenfalls.

In deinen Katalogen sind mir einige deiner Sätze aufgefallen, die ich mir notiert habe.

„Realismus ist eine auf Nutzen bedachte Grundhaltung.“, lautet ein Satz aus dem Jahr 1987.

Könnte man so sagen. Das war aber ironisch gemeint. Malerei ist nicht auf Nutzen angelegt.

Ein anderer Satz lautet: „Was ist an diesem Bild eines Toten, das mich selbst ausmacht?“

Wenn ich eine Figur male, muss ich auch in diese Figur schlüpfen. Vielleicht imitiere ich eine Haltung. Das ist ein Identifikationsvorgang. Der Malprozess ist ein Geben und Nehmen. Ich muss mich da schon hineinfühlen und -finden.

In deinen Texten beschäftigst du dich sogar mit der technischen Frage des Suizids. 

Ich studiere die gerichtsmedizinischen Bücher und dann frage ich mich gelegentlich, was wäre wenn. Ich möchte niemanden mit einem „Mord“ an mir belasten. Sowas muss man selber tun.

Wenn du dich anhand eines Fotos als Bildvorlage einer Person näherst, imaginierst du dann ein ganzes Leben?

Nein, das kann ich nicht.

Du reduzierst das Leben dieser Figur ausschließlich auf das Faktum des einen Bildes?

Ja.

Deine Malerei hat sich seit den 1980er-Jahren verändert. Die Farben in den früheren Bildern waren oft kräftiger, während sie heute entsättigt wirken.

Meine Malerei lebt von stetiger Veränderung, weil ich mich nicht endlos wiederholen möchte. Das macht keinen Spaß. Das muss jedes Mal eine neue Herausforderung sein, also, dass man etwas Neues findet und nicht eine Formel benutzt. Es gibt ja Künstler, die eine Formel finden und alles mit Hilfe dieser Formel verwandeln. Das ist nicht mein Interesse.

Verdünnst du jetzt die Farben stärker?

Ich mische die Farben mehr ab. Dann habe ich eine ganze Weile lang nur schwarz-weiße Bilder gemalt.

Warum der Wechsel von Farbe zu S/W?

Dahinter steckt nicht unbedingt ein gedanklicher Prozess. Ich hatte einfach das Bedürfnis nach Veränderung und dann ergab sich das, auch aus dem Thema heraus.

Mit S/W-Bildern wird ja eine Authentizität, das Dokumentarische verbunden.

Das ist zutreffend. Ich wollte dem nun sicherlich mehr eine dokumentarische Note geben. Zumal ich nur nach Dokumenten arbeite. Ich denke mir nichts aus. Gar nichts.

In einigen Bildern legst du das darunterliegende Raster, mit dem du die Motive vergrößert hast, offen. Du integrierst es in das Motiv, während andere Künstler die Technik bewusst verbergen.

Ich finde, das Prozesshafte der Malerei darf ruhig sichtbar sein. Manchmal bleibt etwas stehen, manchmal nicht. Dahinter steckt keine bewusste Überlegung.

Für dein ökonomisches Überleben als Künstlerin scheint mir deine motivische Beschränkung auf die Schattenseiten des Lebens, auf Tod, Gewalt, Terror und Missbrauch verkaufshindernd zu sein. Siehst du das selber auch so?

Na, ich bin als Punk eingestiegen in die Kunst und bin es geblieben. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Für meine Malerei ist es aber eine Wohltat. Denn, wenn man dableibt und die Gesellschaft aus der unteren Perspektive miterlebt, dann ist es vielleicht gar nicht anders möglich, als solche Bilder zu malen. Wenn du einmal im Monat im Jobcenter anstehen musst mit allen anderen, dann weißt du, wo du hingehörst und wie das Leben in dieser Sphäre funktioniert. Ich kann mir nicht vorstellen – ich habe es auch nicht erlebt – wie es gegangen wäre, wenn ich einen Galeristen gehabt hätte, der mir gesagt hätte: Frau Ruschmeyer, jetzt brauchen wir nochmal zehn Arbeiten von dem Motiv, jetzt machen Sie mal, wir haben schon Kunden ohne Ende, die warten. Also Malen auf Bestellung. Und das dann genau so weitermachen. Das könnte ich gar nicht. Und ich denke, das ist auch eine Form des Todes.

Manchen Künstlern gelingt es, Motive in einer ambivalenten Schwebe zu lassen, eine Vielfalt an Konnotationen zu liefern, bunt zu sein, etwas politisch anzudeuten, aber nicht durchzuformulieren, dennoch malerisch attraktiv zu sein. Spielerisch docken sie an diverse Debatten an. So ungefähr im Stil von Daniel Richter. Das kann sich dann auch die Bourgeoisie ins Zimmer hängen, ohne sich angegriffen zu fühlen, wird aber gleichzeitig im politischen Kunstdiskurs berücksichtigt. Das ist bei dir ganz anders. Du bist deinen Themen und der Härte deiner Darstellung treu geblieben und hast nur leichte Veränderungen an der Malweise vorgenommen. 

Ich liebe die harten Fakten. Ich bin mit Ambivalenz gequält worden in den 1990er-Jahren, bin aber daran gescheitert. Die Bilder sind zwar ganz ordentlich geworden, aber es ist nicht das, was ich will. Und da ich sowieso nichts verkauft habe, habe ich mir gesagt, dann ist das doch scheißegal.

Aber du warst ja mal recht erfolgreich in der Zeit als du bei der Galerie Brusberg in Berlin warst.

Ja, das war in den 1980er-Jahren. Bei Brusberg war ich bis ungefähr Mitte der 1990er-Jahre.

Was war der Grund für das Ende der Zusammenarbeit?

Brusberg war eine Diva, und er hatte es ohnehin nicht gerne gesehen, dass ich überhaupt woanders ausstelle. Er war auch gegen meine Einzelausstellung 1993 in der Staatlichen Kunsthalle Berlin. Und das war einer der Gründe für das Ende unserer Zusammenarbeit. Andererseits wollte ich mich frei machen von Galerien. Ich ging dann ein halbes Jahr lang auf die Straße und verkaufte am Kupfergraben in Berlin kleine Arbeiten.

Hat Brusberg jemals versucht, auf Themen und Motive deiner Malerei Einfluss zu nehmen zugunsten einer besseren Verkäuflichkeit?

Nein, er hat mir da nie reingeredet. Das halte ich ihm zugute.

Wie bewertest du im Rückblick deine größte Einzelausstellung 1993 in der Staatlichen Kunsthalle Berlin, die danach fatalerweise abgewickelt wurde?

Heute noch bin ich Dieter Ruckhaberle dankbar dafür, dass er diese Ausstellung möglich gemacht hat. Es war eine Werkschau. Dabei konnte ich etwas lernen und Schlussfolgerungen ziehen für die weitere Arbeit.

Du hast ja früher im Zentrum Berlins gelebt und gearbeitet und bist kürzlich in die nördliche Peripherie nach Frohnau gezogen.

Ja, 30 Jahre habe ich ein Atelier in Schöneberg unterhalten und wurde aufgrund der Gentrifizierung von dort vertrieben. Das habe ich als Gewalt empfunden. Man muss das wirklich selbst erlebt haben, um diese Art von Gewalt begreifen zu können. Die ist ja nicht sichtbar.

In deinem neuen Katalog findet sich der Text eines Plakates mit dem Nachruf auf Dieter Bernhardt, einem Mitbegründer des „berliner bündnisses sozialmieter.de“. Der beging im Mai 2010 Suizid und kam damit einem Rauswurf zuvor, weil er die Miete seiner Wohnung in der Akazienstraße 6 in Schöneberg nicht mehr zahlen konnte.

Im Zuge der Gentrifizierung in Schöneberg habe ich mich als „Hartz-IV-Pack“ beleidigen lassen müssen und mein Lebensgefährte wurde von gut gekleideten und wahrscheinlich gebildeten Leuten mit den Worten beschimpft: „Geh mir aus dem Weg, du alter Wichser.“ Dann wollte ich da nur noch weg.

Fand die Verdrängung aus deinem Atelier als schleichender Prozess statt, oder ging das rasant?

Das war schleichend. Ich habe bemerkt, wie sich das Umfeld allmählich veränderte. Und ich begann mich dort unwohl zu fühlen. Irgendwann findest du nur noch Bäume in der Straße, die von Stiefmütterchen umpflanzt und in Manier einer Kleingartenidylle gepflegt werden. Die Geschäfte werden nett, alles aufgehübscht und Poller werden umhäkelt. Wenn du das als Maler siehst, dabei aber ganz andere Bilder im Kopf hast, dann dreht sich dir schon morgens, wenn du das Haus verlässt, der Magen um.

War das für dich die Dekoration des Terrors?

Das ist Terror!

In deinen Texten schreibst du sehr offen über deine existenzielle und ökonomische Situation, worüber die meisten Künstlerinnen und Künstler gar nicht sprechen wollen, um nicht als erfolglos stigmatisiert zu werden.

Ich halte nichts davon, über meine ökonomische Situation zu schweigen. Wir sind uns Tatsachenwahrheiten schuldig. Wir Künstler sind all die Jahre benutzt worden, Berlin zu einem attraktiven Zuzugsort zu machen, der der Gentrifizierung dient. Berlin, die Kulturhauptstadt, welch eine Lüge! Eine Offenheit diesbezüglich ist für mich auch eine Art der Solidarität mit Kollegen, denen es genauso geht. Das sind Fakten, die auf den Tisch gehören.

Beziehst du derzeit Hartz IV?

Ja.

Wie läuft die Kommunikation mit der Arbeitsagentur?

Derzeit wurde mir meine Selbstständigkeit von Seiten des Jobcenters aberkannt. Mir wurde aber auf Nachfrage mitgeteilt, dass ich natürlich meine Bilder weitermalen dürfe. Niemand könne mir verbieten, meine Bilder zu malen.

Hast du eigentlich Galerien, mit denen du zusammenarbeitest? In Berlin war es ja zuletzt die Emerson Gallery, die aber augenblicklich keine Räume hat.

Ja, die Emerson Gallery zieht um. Ich werde auch weiterhin mit ihr zusammenarbeiten. Außerdem werde ich von der dänischen Galleri Heike Arndt vertreten.

Von dir gibt es keine Webpage.

Nein, ich mag das nicht, ich finde das eklig.

Aber viel findet heute über Internetrecherche statt.

Mir ist das zuwider, das ist wie ein Warenangebot. Wenn man mich googelt, kann man Bilder finden. Das reicht mir. Außerdem wird im Internet alles optisch gleichgebügelt. Das ist Gleichmacherei. Das vertragen Gemälde nicht. Man muss sie eins zu eins sehen. Man muss davorstehen, um die Malerei zu begreifen. Eine andere Erfahrung als das tatsächliche Gegenüber gibt es nicht.

Heike Ruschmeyer

Geb. 18. Mai 1956 in Uchte, lebt in Berlin

1976–1979 HfBK in Braunschweig bei Emil Cimiotti und Alfred Winter-Rust

1979–1982 HdK Berlin bei Wolfgang Petrick

Preise u. Stipendien:

1977 Rudolf Wilke-Stipendium der Stadt Braunschweig;

1983 Bernhard Sprengel-Preis für Bildende Kunst;

1985 Nachwuchsförderstipendium für Bildende Kunst an der HdK Berlin;

1988 Niedersächsisches Künstlerstipendium;

1993 Bernward-Preis für Malerei;

2005 Marianne-Werefkin-Preis.

Vertreten in Sammlungen:

Sammlung Ludwig Aachen; Artothek des nbk Berlin; Berlinische Galerie; Graphothek Berlin; Willy-Brandt-Haus Berlin; Mönchehaus Museum Goslar; Kunsthalle Hamburg; Sprengel Museum Hannover; Land Berlin: Geschichtslabor am Eichenborndamm 238 (ehemalige Städtische Nervenklinik für Kinder 1941–1945); Kunstsammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn.

Neuester Katalog erschienen beim Museum Reinickendorf, Berlin 2015: http://www.museum-reinickendorf.de

https://de.wikipedia.org/wiki/Heike_Ruschmeyer