Titel: Get involved! , 2016

Schlachtfeld Historie

Künstlerische Reenactments als partizipative De-Konstruktion von Geschichte

von Inke Arns

Keine Atempause,
Geschichte wird gemacht
Es geht voran.
Fehlfarben, Ein Jahr (Es geht voran), Single, 1982

Die atem- und subjektlose Geschichtsproduktion im Zitat von Fehlfarben hat etwas Beunruhigendes. Benjamins Engel der Geschichte lässt grüßen: Die Geschichte erscheint ihm als „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“1 Für genau diese Trümmerberge interessieren sich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren lässt sich eine auffällige Zunahme künstlerischer Reenactments, also performativer Wiederholungen oder partizipativer Re-Inszenierungen historischer Situationen und Ereignisse, beobachten.2 Künstlerische Reenactments wiederholen insbesondere solche (oft als traumatisch erfahrene) Ereignisse, die als wichtig für die Gegenwart erachtet werden: So re-inszenierten die amerikanischen Künstlergruppen Ant Farm und T.R. Uthco 1975 die Erschießung von John F. Kennedy auf Grundlage der Zapruder-Footage am Originalschauplatz in Dallas (The Eternal Frame), während der britische Filmemacher Peter Watkins 1999 die Kommunarden auf den Pariser Barrikaden von Laien nachspielen ließ (La Commune (de Paris, 1871)), oder Jeremy Deller 2001 ehemalige Bergarbeiter und Polizisten in Orgreave erneut gegeneinander antreten ließ (The Battle of Orgreave) und Omer Fast 2003 Statisten aus Steven Spielbergs Schindlers Liste befragte (Spielberg’s List). All diese Reenactments sind dabei keine affirmativen Bestätigungen der Vergangenheit, sondern vielmehr Befragungen der Gegenwart mittels des Rückgriffs auf historische Ereignisse, die sich dem kollektiven Gedächtnis unwiderruflich eingeschrieben haben. Künstlerische Reenactments sind immer auch Befragungen der medialen Bilder, denn das kollektive Gedächtnis ist vor allem ein vermitteltes (mediales) Gedächtnis. Um diesen Punkt zu…



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