Gespräche mit Künstlern , 2016

David Claerbout

Auf der Suche Nach der fotografierten Zeit

Ein Gespräch von Heinz Schütz

Im Alltag erfolgt die Unterscheidung zwischen Fotografie und Film gewöhnlich problemlos und scheint, vordergründig betrachtet, banal zu sein. Die philosophisch-ästhetische und medientheoretische Debatte über die Differenz der beiden Bildtechniken hingegen ist äußerst abstrakt und oft rein akademisch. In der künstlerischen Praxis David Claerbouts, in der sich Fotografie und Film durchdringen, erfolgt die Selbstreflexion der Gattungen nicht theoretisch, sie involviert die Betrachter und weist gleichzeitig über sich hinaus auf unsere Vorstellung von Zeit, in die wir, ob gewollt oder nicht, verstrickt sind.

Durch Animation bringt Claerbout Zeit als Bewegung in die Fotografie, gleichzeitig macht er Zeit im Stillstand erfahrbar. Dabei rekurriert er immer wieder auf natürliche Veränderungen und Wiederholungen bedingt durch Licht, Sonne, Wolken, Wind oder Wasser. Wie dabei Stillstand und Bewegung aufeinanderprallen, zeigt sich etwa in Claerbouts Projektion „Vietnam, 1967, near Duc Pho (Reconstruction after Hiromichi Mine)“. Sie basiert auf einem Foto, das Hiromichi Mine zur Zeit des Vietnamkriegs aufgenommen hat: ein unter Eigenbeschuss geratenes amerikanisches Flugzeug, das am Himmel zerschellt. Jahrzehnte später sucht Claerbout den Ort des Geschehens auf, um dort zu fotografieren. Die einzelnen Fotos setzt er qua Morphing zu Bewegungsabläufen eines sich langsam veränderndem Licht- und Wolkenhimmels zusammen. Vor dieser Bewegung steht die einst nur für Sekundenbruchteile so existierende Zerstörungskonstellation still. Wenn Claerbout in „American Car“, in Anlehnung an Kinokonventionen, über die Schulter zweier Männer aus einem stehenden Auto herausfilmt, dann übernimmt das Fahrzeug hier die fotografische Rolle des zum Stillstand-gebracht-Werdens. Stillstand und Bewegung als ineinander verwobene…

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von Heinz Schütz

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