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Titel: Konstruktionen des Erinnerns · von Jean-Christophe Ammann · S. 160 - 161
Titel: Konstruktionen des Erinnerns , 1994

Jean-Christophe Ammann
Heiner Blum Alarm & Spiele

Heiner Blum, 1959 geboren, lebt in Frankfurt am Main. Zwischen 1982 und 1983 – in diesen Jahren war er noch Student im Fachbereich „Visuelle Kommunikation“ an der Gesamthochschule Kassel – hatte er in regelmäßigen Abständen aus Boulevardzeitungen die Schlagzeilen einschließlich der Felder, in das diese eingebettet sind, herausgeschnitten, mit schwarzer Deckfarbe all jene Worte übermalt, die ihn nicht interessierten, bzw. jene Begriffe, Ausdrücke und Zeichen, vereinzelt auch in die Schlagzeilenfelder eingefügte Fotos ausgespart, die seine besondere Aufmerksamkeit weckten. Diese partiell übermalten geometrischen Felder heftete er auf weißes Papier (40 x 50 cm; 3 Blätter 65 x 50 cm). Insgesamt umfaßt die so entstandene Arbeit „Alarm“ 205 Blätter (Sammlung Museum für Moderne Kunst).

Ich erinnere mich noch sehr gut an den wolkenlosen, milden Sonntagnachmittag mitten im August des Jahres 1992, als ich diese Blätter erstmals im Atelier von Heiner Blum sah. Die Stadt war wie ausgestorben. Ein sanfter melancholisch machender Wind suggerierte Meeresnähe. Ich las: „Tote explodiert“; „Kaufhaus“; „Mama, Mama!“; „Leben“; „Tod“; „Hoden“; „Zerfetzt“; „Der Held“; „Mauern“; „Rache!“; „Christus“; „Menschen im Feuer“; „Ratten“; „Hunderte weinten“; „Regen, Regen“; „Sex-Gier“; „Verbotene Liebe“; „Goldener Schuß“; „Blutbad“; „300 Mädchen“ usw.

Ich spürte, wie die Depression in mir wuchs, und ich hatte plötzlich die Eingebung, daß wir alle Akteure sind, als Akteure geboren werden und als solche sterben. Immer mutloser durchforschte ich diese schier endlose Litanei, die mich gleichzeitig total mobilisierte.

Heiner Blum hatte buchstäblich den Punkt auf das „i“ gesetzt: Es ist die Litanei der „conditio humana“, zeitlos, ewig, solange der Mensch existieren wird.

Heiner Blum, Anfang zwanzig, nicht wissend, wie er über die Runden kommen sollte, viele der Zeitungen aus Altpapiersammlungen klaubend, transformierte das „perpetuum mobile“ individueller und kollektiver Verhaltensweisen aus der scharfen Sicht ekstatischer Befindlichkeit. Wenn dem so ist, daß Zeit, Angst, Tod und Sexualität jeden von uns ebenso bestimmen wie die generativen Prinzipien, nämlich Ordnung und Unordnung, Zufall und Gesetzmäßigkeit, Suchen und Finden, das Ähnliche und das Verschiedene, dann hat Heiner Blum mit der Litanei der Begriffe die Inhalte und mit den stets sich verändernden geometrischen Schlagzeilenfeldern die formalen (generativen) Kriterien zu diesen Inhalten geschaffen.

Es gilt, die existentielle Wucht dieser Arbeiten aushalten zu können, vor allem dann, wenn sie sich wie beiläufig, gewissermaßen informativ, zur Schau stellen.

Irgendwann in den siebziger Jahren hat Carl Andre (*1935) mit der Schreibmaschine einen Text – ein Gedicht? – in Form eines Quadrats geschrieben (9 Worte pro Zeile, von denen es 26 gibt).

Die ersten sechs Zeilen habe ich mir anläßlich seiner Ausstellung „Words“ bei Paula Cooper, New York (10.9. – 8.10.1993), abgeschrieben:

WORDS MEN WORD COURT PROOFS YEARS HAIR MEEN ALL

CRIMES MAN CODE COURT COURTS SKIES HELL MEEN NET

COURT MEN MIND BLOOD COURTS PEACE LIFE MEEN COCK

TERM MEN TIME VOICE SLAVES HEART PAGE MEEN COURT

LOT MEN CASE COURT YOUTHS DEEDS LIIFFE MEEN CLIQUE

CASE MEN WORD COURT SCHOOL SHAME HELL MEEN WORD

Heiner Blum kennt diese Texte nicht. Sie wurden nie veröffentlicht. Aber ich spüre die Verwandtschaft, auch wenn zwei Künstlergenerationen dazwischenliegen und Heiner Blum Carl Andre nie begegnet ist.

Ende der achtziger Jahre entstanden die „Spiele“. Wortspiele? Ja, vielleicht, aber die Frage ist, auf welcher Ebene siedeln sie sich an? – Es handelt sich um schwarze Holzkästen, die in einer geordneten Unordnung und über die vollen vier Wandflächen verteilt aus diesen herausragen. Die Breite und Tiefe der Holzkästen ergibt sich aus den Silbentrennungen der Worte – in englischer und deutscher Sprache – oder aus deren Kombination. Die Höhe ist durch die gleichbleibende Größe der Buchstaben bzw. durch die Typographie gegeben. Liest man Anima und blickt um die Ecke, sieht man das L (ANIMA/L). Entsprechend ist die Längsseite mit fünf Buchstaben größer als die Tiefe des Kastens mit nur einem Buchstaben (L); (so auch bei SP/RACHE, S/AUGEN oder B/LEIB). Bei P/ASS/IVE entspricht die Länge der Breite: frontal ist nur ASS zu sehen, auf der linken Querseite das P, auf der rechten die Buchstaben IVE (drei an der Zahl wie ASS). Sogleich wird man an Bruce Naumans Neonschrift RUN FROM FEAR/FUN FROM REAR (1972) erinnert. Die sexuelle Konnotation ist in beiden Beispielen evident, jedoch ist sie nicht beabsichtigt, sondern vielmehr durch die Sprache – das Wortspiel – akzeptiert.

Genau hier setzt die Arbeit von Heiner Blum ein: Was durch die Sprache möglich ist, wird in der Realität eingelöst. Die Sprache modelliert – vielfältig in den Zwischentönen, mit der ihr eigenen Ambivalenz – eine vitale, existentielle, spielerisch-neugierige, sondierende Befindlichkeit. Dies alles setzt Bewegung voraus. Der frontalen Begegnung in „Alarm“ antwortet die ständige Bewegung des Betrachters in „Spiele“. Heiner Blum thematisiert die Bewegung des Betrachters im Raum als eine Form der Selbstwahrnehmung über die Sprache, als deren „androgynes“ Bild er, der Betrachter, sich selbst versteht. Heiner Blums Wortkästen werden zum Resonanzkörper dessen, der sich ihrer bewußt wird.

Wenn Heiner Blum von „Spielen“ spricht, tut er dies mit dem Wissen und der Erfahrung assoziativer Körperlichkeit von Sprache. Indem er das Englische miteinbezieht, unterstreicht er nur die schlaglichthafte Präsenz des Angloamerikanischen in unserem Wortschatz – spielerisch: „TOP GIRLS/STOP/GIRLS“ -, aber auch durch dessen Doppeldeutigkeit. Also: Ich lese auf einem der Kästen ART, auf der linken Querseite steht REST. Die rechte Seite ist unbeschriftet. Das ist ziemlich vertrackt. ART bedeutet in der deutschen Sprache Natur, Wesen, z.B. die Weise, zu sein, sich zu geben. Im Plural spricht man von Artenvielfalt. Man könnte auf den REST der ART-envielfalt schließen. Gemeint aber ist das englische RESTART, also: erneut starten. In Verbindung zu ART (Kunst) wird eine Revitalisierung angesprochen: Der Künstler ist keine Produktionsmaschine. „Erneut starten“ bezeichnet einen Periodisierungsprozeß, gleichsam ein Aus- und Einatmen, also eine Zeit- und Rhythmuskomponente.

Solche körperbezogenen Momente ergeben sich auch in den Wortkästen GE/HORCHEN, K/LEBEN, VER/LUST, SW/EAT.

Lesen und Bewegen sind voneinander nicht zu trennen, im Sinne einer Verräumlichung und Verzeitlichung des Gelesenen und der Bewegung.

von Jean-Christophe Ammann

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