Titel: Konstruktionen des Erinnerns · von Harald Szeemann · S. 124
Titel: Konstruktionen des Erinnerns , 1994

Harald Szeemann

Didier Vermeiren

Didier Vermeiren stellt drei Skulpturen aus Gips aus. Was sie innerlich verbindet, ist derselbe plastische Ausgangspunkt: der Sockel, dieses von einer ganzen Künstlergeneration verpönte und verworfene Ding. Verpönt, weil der Sockel ein Hilfsmittel war, das es auf dem Wege zu den elementaren Aussagen zu eliminieren galt. Der Sockel ist ein Gegenstand der Anhebung eines anderen Gegenstandes auf Augenhöhe, den man dank dieser Elevation besser von allen Seiten betrachten konnte, um sich eine synthetischere Idee vom allsichtig Betrachteten machen zu können. Wenigstens war dies seine Funktion zu Beginn der Moderne bis heute, als er, endlich aus Kirchen und Palästen herausgenommen, die chronische Wandnähe aufgeben konnte, um freistehend eine neue Existenz zu haben. In traditionellen Bereichen behielt er seine angestammte Funktion der Erhöhung, der Entrückung im Monument, war dieses nun einem Herrscher, einem Helden, einer Allegorie, den Gefallenen oder dem unverwüstlichen „Unbekannten Soldaten“ gewidmet.

Die Wahl des Künstlers fiel in unserem Falle auf einen „berühmten“ Sockel, geschaffen zu Beginn der Geschichte der Skulptur am Anfang unseres Jahrhunderts, für die Figurengruppe „L’Appel aux armes“ (1912) von Auguste Rodin. Kein Ready-made, sondern ein „Made“. Die Form des Sockels ist 1:1 übernommen. Das Material des neu geschaffenen Sockels entspricht dem Material der Skulptur. Diese Appropriierung eines Sockels enthält in sich die Memoria der Skulptur, des heroischen „Appells“, ja aller Sockel, ohne sie explizit zu machen. Im Gegenteil, der Rodinsche Sockel vollzieht sogar den Quantensprung zum „Trans“-Minimalen. In der zwar unberührten Sockelform ohne daraufgestelltes Monument schwingt autonom Minimalistisches mit, aber die Plinthe erzählt ihre eigene…

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