Titel: Konstruktionen des Erinnerns · von Veit Loers · S. 166
Titel: Konstruktionen des Erinnerns , 1994

Veit Loers

Sophie Calle:
Gräber

Wenn man davon ausgeht, daß Sophie Calle etwas oder jemandem auf der Spur ist, das oder der sich dem Repräsentativen entzieht, so verwundert es, wie sie zu sichtbaren Ergebnissen ihrer Recherche kommen kann, also zu Fotoinstallationen und Ausstellungen überhaupt. Diese Ausstellungen gehören in ihrer Erscheinungsform durchaus zum Typus der achtziger Jahre, besser gesagt in die konzeptuelle Text-Bild-Konstellation der siebziger Jahre, die sich nach und nach dem Repräsentationsstil der achtziger Jahre angepaßt hat. Man muß also von dem ausgehen, was man sieht, und über diese Botschaft versuchen, sich den Bildern zu nähern, die die Künstlerin im Auge hat. Dies ist zunächst das Phänomen des Authentischen.

Sophie Calle fotografierte anläßlich eines Aufenthalts in Kalifornien 1976 auf einem Friedhof zwei Gräber mit der Aufschrift „Brother“ und „Sister“. Elf Jahre später entsteht die Serie „Tombes“ auf demselben Friedhof, wo sie nun ganze „anonyme“ Familien entdeckt. Gleichzeitig liest man, daß Calle schon als Kind jahrelang den Schulweg über den Montparnasse-Friedhof nahm, daß sie also mit der Vorstellung und Realität von Gräbern sehr vertraut war. „Gräber sind eine meiner persönlichen Obsessionen“, bekennt sie. Alle sind sie von vorne oben aufgenommen, wie sie der Friedhofsbesucher erlebt, und so, daß man die Bodenplatten mit den anonymen Aufschriften MOTHER – FATHER – SON – SISTER – BROTHER sieht, nicht aber einen möglichen Grabstein am Kopfende der Steinumfriedung. Im Stil der Reportage sind es Schwarzweißfotografien in Metallrahmen mit Plexiglas. Die Größe suggeriert Authentizität. Außer den Schrifttafeln sieht man nur Kies und runde Löcher, Einfassungen für Blumen oder Kerzen.

Zusammengestellt…

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