Ausstellungen: Stuttgart · von Reinhard Ermen · S. 360 - 361
Ausstellungen: Stuttgart , 1993

Reinhard Ermen

Joseph Kosuth

»(Eine Grammatische Bemerkung)/(A Grammatical Remark)«

Württembergischer Kunstverein Stuttgart,13.5. – 13.6.1993

Den Titel (A Grammatical Remark) findet Joseph Kosuth in der Klammer einer Bemerkung (Nr. 374 der „Philosophischen Untersuchungen“) von Ludwig Wittgenstein (L. W.): „Ein Satz, und daher in anderem Sinne ein Gedanke, kann der ‚Ausdruck‘ des Glaubens, Hoffens, Erwartens etc. sein. Aber Glauben ist nicht Denken. (Eine Grammatische Bemerkung.) Die Begriffe des Glaubens, Erwartens, Hoffens sind einander weniger artfremd, als sie dem Begriff des Denkens sind.“ 1989 wird diese Anmerkung in Montreal erstmals Anlaß zu einer Installation; Budapest, Madrid, New York folgen. Zuletzt ist Stuttgart, nach einer längeren Unterbrechung, Schauplatz der „Grammatischen Bemerkung“, die seitdem gewachsen ist durch eine weitere Sentenz Wittgensteins (373), einen Satz Walter Benjamins (W. B.) und eine Bemerkung Friedrich Schleiermachers (F. S.), die allein fast so umfänglich ist wie Wittgenstein und Benjamin zusammen. Die Rahmenbedingungen sind indessen gleich geblieben: Die Sätze laufen wie ein weißer Mäander an der Mittellinie der schwarzen Wand entlang, ihre Interpunktion ist durch Neonröhren hervorgehoben.

Kosuth verstehen, seine Kunst gar lieben, das scheint eine Angelegenheit weniger Eingeweihter zu sein; so suggeriert es jedenfalls die Literatur über ihn, die viel philosophisches Bildungsgut zwischen Werk und Betrachter auftürmt. Auch Kosuth selbst (soweit er sich als Theoretiker formuliert) scheint sich in dieser dünnen Luft des reinen Geistes wohl zu fühlen. Doch das entscheidende Merkmal großer, ganz großer (pardon) Kunst ist, daß sie auch einfache Zugänge erlaubt, weil sie letztendlich einfach ist, obwohl sie über dem Urgrund postmetaphysischer Seinsfragen gebaut sein mag. Kosuth gehört dazu, seine Arbeit…

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