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Titel: Zur Aktualität des Idyllischen II · von Simon Baur · S. 88 - 95
Titel: Zur Aktualität des Idyllischen II , 2006

Simon Baur
Landschaft mit entfernten Verwandten

Der Titel ist einem Text Heiner Müllers entnommen und er ist symptomatisch für die folgenden Überlegungen betreffend einem schweizerischen Beitrag zur Idylle, ist doch der Ahnherr des Idyllischen bereits schon lange tot, wogegen sich seine Ideen bis heute erhalten haben. Doch es soll eine kleine Anekdote vorgezogen werden, die wesentliche Merkmale des Idyllischen aufzeigt, die sich, obwohl auf Vorurteilen beruhend, bis heute gehalten haben.

Romantische Zugfahrt

Wer die Gotthardroute mit dem Zug befährt, wird – nachdem er den Vierwaldstättersee mit dem Schillerstein und das Rütli, wo die drei Urkantone den Bund der Eidgenossenschaft gegründet haben sollen, erblickt und den Urnersee (auf dem Wilhelm Tell seinen Häschern durch einen mutigen Sprung aus dem Boot entkam, was Heinrich Füssli malerisch dramatisch umsetzte) umfahren hat – das Kirchlein von Wassen kaum übersehen können. Während der Zug in den Kehrtunnels, einer bautechnischen Meisterleistung des vorletzten Jahrhunderts, behände an Höhe gewinnt, ist das schmucke, weiße Barock-Kirchlein, vor auf saftigen Wiesen weidenden Kühen, bewaldeten Berghängen und verschneiten Felsen, wo Murmeltier, Adler und Gämse wohnen, dreimal hintereinander aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Auf gedrängtem Raum sind hier alle Stereotype und Klischees versammelt und es fehlen nur noch die süße Schokolade, das rezente Käse-Fondue, die Präzision der Uhren, die reichen Banken, die Verweigerung gegenüber der EU und der langsame Singsang der Sprache, um das Bild einer klassischen Idylle im Herzen Europas zu vervollständigen. Glücklicherweise hat dieses makellose Bild in den letzten Jahren durch Nazi-Gold, Swissair-Grounding und Swiss-Übernahme durch die Lufthansa einige Kratzer erhalten. Somit leben wir nicht mehr die pure Idylle, was Künstler auf den Plan bringt, sich mit diesem Thema zu befassen. Das soll im Folgenden erläutert werden. Gehen wir dafür einen Schritt zurück.

Salomon Gessner als Urvater der Idylle

Die Wiederbelebung der Idylle im 18. Jahrhundert wäre ohne den Namen Salomon Gessner kaum denkbar. Er kann als Gründervater der modernen Idyllendichtung verstanden werden, beinhalten doch seine Dichtungen das gesamte Vokabular und Register, das für das Gelingen einer wohlproportionierten Idylle notwendig ist. Man höre: „Wie lieblich glänzet das Morgenroth durch die Haselstaude und die wilden Rosen am Fenster! Wie froh singet die Schwalbe auf dem Balken unter meinem Dach! und die kleine Lerche in der hohen Luft! Alles ist munter, und jede Pflanze hat sich im Thau verjüngt; auch ich, auch ich scheine verjüngt […]: O wie schön ist alles um mich her! Alles was ich höre sind Stimmen der Freude und des Danks: Die Vögel in der Luft und der Hirt auf dem Felde singen ihr Entzüken, auch die Herden brüllen ihre Freude von den grasreichen Hügeln und aus dem durchwässerten Thal.“ In über dreißig Sprachen wurden die ‚Idyllen‘ zu Gessners Lebzeiten übersetzt und wer sich die von Gessner selbst gezeichneten Kupferdrucke in seinen Dichtungen oder seine zahlreichen idyllischen Landschaften in Öl vornimmt, kann in etlichen Aspekten Verwandtschaften zum Kirchlein von Wassen feststellen. Einer sei herausgenommen, da er sich für die künstlerische Entwicklung der Schweiz als äusserst folgenreich erwies.

Bei beiden, Gessner und dem Wassener-Kirchlein, erwächst aus der Kleinteiligkeit eine großartige Perspektive. Schon kurze Zeit nach dem Perspektivwechsel auf das Kirchlein, blickt der Reisende auf das imposante Gotthardmassiv und nach einer Fahrt durch die dunkle Tunnelröhre bald schon, in der Sonnenstube der Schweiz, auf das leuchtende Blau des Lago Maggiore und den lieblichen Berg der Wahrheit (Monte Veritá), wo sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts Sonnenanbeter, Vegetarier und andere Lebensreformer tummelten. Salomon Gessners Bilder sind oft ähnlich strukturiert: Im Vordergrund ist eine kleinteilige Szenerie mit einer Hirtenstaffage oder badenden Nymphen, umgeben von einem lichten Hain oder einem Wäldchen, zu sehen, die den Blick freigibt auf die im Hintergrund liegenden Hügel und Berge mit Tempelchen und Obelisken, die von einem blauen Himmel mit ziehenden Vögeln und einigen Wolkenschleiern abgerundet werden.

Wenn man diese Bilder vor Augen hat, erstaunt es kaum, dass sich große Teile der Schweizer Bevölkerung während des zweiten Weltkriegs auf den Rückzug in die Alpen vorbereitete, um in der Alpenfestung und dem sogenannten „Réduit“ den Achsenmächten zu trotzen und sich die Idylle zu erhalten. Diese beiden Pole bilden die Klammer, in der sich die Beschäftigung mit der aktuellen Idylle und ihren Themen abspielt.

Vielfalt, Weite und Details

Monika Ruckstuhl malt Interieurs und Landschaften, die wir umgehend mit einem geographischen Gebiet in Zusammenhang bringen, das wir nie lokalisieren können. Die Interieurs sind oftmals mit von Leintüchern bedeckten Möbelstücken versehen, die von ihrer Struktur her an verschneite Landschaften erinnern. Die Landschaften ihrerseits kennzeichnen sich durch skizzenhaft gemalte Passagen und perspektivisch gestaffelte Horizonte aus. Die Bilder sind so gemalt, dass der Eindruck entsteht, in den Bildern herrsche eine neblige oder milchig-grelle Lichtsituation. In diesem Sinn erscheinen gerade die Landschaften wie überbelichtete Fotografien, was insofern nicht präzise ist, als alle Arbeiten Störfaktoren aufweisen, die den Eindruck der Harmonie irritieren und grundsätzliche Überlegungen zum Thema Landschaft hervorrufen. Hinzu kommt die Kompositions-Strategie des Unfertigen. Vordergründe bleiben leer, wodurch das Bild nicht mit dem unteren Bildrand anfängt und so eine neue Leserichtung erfordert. Dieses Leerlassen erinnert sowohl an Landschaftsskizzen des 19. Jahrhunderts, als auch an das Schema des Bedruckens und Leerlassens japanischer Holzschnitte.

Bei Lex Vögtli wird die Idylle viel direkter ausgedrückt, doch ist auch diese Malerei verschlüsselt, insofern sie sich der teils plakativen Sprache der Pop Art bedient. So sind die Kirschen würfelartige Körper, der Baumstrunk ein brauner Zylinder mit eckigen Blumen und das Frühlingsbild besteht aus sprechblasenartigen Inseln, die mit unterschiedlichen Objekten bestückt sind, die alle an Frühling erinnern. Dabei fühlt man sich sowohl an Gessners Illustrationen und Medaillons erinnert, mit denen er seine eigenen Idyllen illustrierte, als auch an die ländliche Szene in Walt Disneys Mary Poppins, wo sie zu viert in das auf das Straßenpflaster gemalte Bild springen.

‚Now bring me that horizon‘ lautete der Titel der letzten großen Ausstellung von Edit Oderbolz, der die Sehnsucht Vieler auf den Punkt bringt. Das Mittelmeer werden wir von Bern oder Zürich aus nie sehen, soll der ersehnte Horizont doch zu uns kommen. In ihrer Ausstellung im Basler Museum für Gegenwartskunst, war auch eine große Installation aus verschiedenfarbigen Neonröhren zu sehen. Der Titel ‚United Colors‘ erinnert sowohl an Wollpullover als auch an Schillers Ode ‚An die Freude‘ und hat damit das Wohnzimmeridyll an jener empfindlichen Stelle getroffen, wo sie die Schönheit und Erhabenheit schnell in ihr Gegenteil verwandelt.

Bei den Künstlern Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger scheinen hingegen alle Versprechen der Idylle eingelöst zu werden. Die Betrachter liegen auf dem Rücken auf einem breiten runden Bett, das nach Lavendel riecht und das sich über dem Dogengrab befindet und schauen in das Gewölbe der Kirche San Staë in Venedig, indem sich ein dichtes, organisches Dickicht von Pflanzen, Federn, Blumen und Farben, eine schwebende Installation, ausbreitet. Die Zutaten für diese Arbeit kommen von überall her und potenzieren sich an diesem Kraftort zum idyllischen Extrakt. Die Arbeit strahlt eine grundsätzlich positive Stimmung aus, die Betrachter verschmelzen mit ihr, lassen sich auf sie ein, indem sie vor der Kirche die Schuhe ausziehen. Die Metapher des „hortus concluses“ scheint zu funktionieren, ist aber immer auch vom Willen der Betrachter abhängig.

Wie abstrakt kann die Idylle sein?

Die Malereien Hanspeter Hofmanns und die Objekte von Erik Steinbrecher haben auf den ersten Blick wenig mit Idyllendarstellungen zu tun, dies hat aber weniger mit den ihnen inkorporierten Themen, als vielmehr mit ihrer nur partiell gegenständlichen Sprache zu tun. Und bei beiden wird eine Harmonie und ein „locus amoenus“ nur oberflächlich suggeriert, durch die tieferliegenden Fakten aber wieder zunichte gemacht. Die Bilder von Hofmann sind Konstruktionen von Farbe, Formen und Zeichen, die alle drei als eigenständige Strukturen funktionieren. Die Farben und Zeichen sind verantwortlich für das Idyllische, wie ein Gelb in einem Orange verläuft, wie über dem satten Lindengrün ein weißer Schleier liegt, wie sich die silbernen Flecken über das dichte Schwarz bewegen, die Linien mal über mal unter den Farben liegen. Und dann sind die Zeichen, ein schwarzer Vogel, ein Schädel oder Worte wie Stoked, Hardcore und Wanted. Sie sind Stellvertreter für eine Geschichte, für eine Stimmung, die den Bildern ermöglicht, über ihre Begrenztheit hinaus, weiter gedacht zu werden.

Im Fotoarchiv von Erik Steinbrecher findet sich auch Material über Gartenutensilien: Bänke, Sitzecken, Geländer, Zäune, Äste und andere Naturformen. Letztere spielen in seinem Werk eine zentrale Rolle. Sie sind Ausgangspunkt für seine Installationen, etwa für die Bank in der Universität in Bozen, die an die Wand montierten Zäune im Centre Pasqu’Art in Biel oder seinen Beitrag für die Rathaus-Brücke in Berlin-Mitte. Steinbrecher schlug für dieses unausgeführte Projekt eiserne Stäbe für die Zwischenräume der Brüstungsfelder vor. In regelmäßigen Abständen sollten sich jeweils sieben eiserne Abgüsse schlanker Baumäste abwechseln. Jeder der Abgüsse sollte charakterisiert sein durch eine leicht unterschiedliche Oberflächenzeichnung.

Beeinflusst haben Steinbrecher die mimetisch nachmodellierten, knorrigen Halterungen Schinkelscher Parkbänke oder die 1838 von Persius, einem Schüler Schinkels, errichtete Teufelsbrücke im Schlosspark Klein-Glienicke in der Nähe von Potsdam.

Für Groß und Klein

Was idyllisch ist, wie der moderne „locus amoenus“ beschaffen ist, welche romantische Abgeschiedenheit, und welches reichhaltige Arkadien vergilscher Prägung sich in die gegenwärtige Kunst schmuggelt, ist wie die Beispiele mit aller Deutlichkeit gezeigt haben, nicht ohne weiteres zu erkennen. Es braucht die Kenntnis für die Eigenheiten der dionysischen Sprache und den sicheren Gang, um sich auch in der Blindheit und Dunkelheit zu Recht zu finden. „Stille Nacht! Wie lieblich überfällst du mich hier! hier am bemoßten Stein. Ich sah noch den Phoebus, wie er hinter den Stuffen jener Berge sich verlohr, er lachte das lezte mahl zurück, durch den leichten Nebel, der wie ein göldner Flohr …“

Der Verborgenheit des Lieblichen und Verspielten und der damit verbundenen Suche haben sich die Arbeiten von Karin Vidensky verschrieben. In ihrer interaktiven Installation im Kindermuseum in Wien hat sie in einem verwinkelten Raum Plexiglasplatten montiert, auf die sie mit einem Metallstift Gegenstände eingekratzt hat. Die Kinder betreten die abgedunkelten Räume mit Taschenlampen, mit denen sie diese abtasten. Indem der Lichtstrahl die Plexiglasplatten durchdringt, erscheinen die eingeritzten Figuren, ein Snowboarder, Blumen, ein Tänzerin, fallendes Laub oder ein Känguru, als Schatten auf den Wänden und erhälten damit skulpturale Qualität. Karin Vidensky setzt das Spiel zwischen Licht, Schatten und den damit verbundenen Reflexionen wie eine Metapher für eine in Gedanken verankerte Welt, ein: „Die plastische Schilderungskraft dieser Schatten soll das Vorhandensein eines realen Objekts lediglich suggerieren, wie das Vorbeihuschens eines Gedankens.“ Das beschreibt am Treffendsten den Zustand und die Qualität der modernen Idylle.