Gespräche mit Künstlern , 2006

Ursula Maria Probst

Ludwig Wittgenstein zwickt mich ins Knie

Ein Gespräch mit Franz West

Franz West animiert die BetrachterInnen bzw. BenutzerInnen seiner Skulpturen, ausder Reserve des augenblicklichen Kunstkonsums herauszutreten. Er führt vor, wie Kunst im Moment der faktischen Begegnung bereits konsumierbar wird und der Gebrauchswert zunehmend aus dem Schauwert kippt. Franz West drängt hier weder danach, einen bestimmten Prozess der Bewusstmachung in Gang zu setzen, noch danach, die Chimäre der Illusion völlig aufzulösen. Vielmehr imaginiert er die Illusion, um daraus Seinsstrukturen zu produzieren. Wests Objekte als Sensomaten, menschlicher Befindlichkeiten reichen in seiner Werkgenealogie von den

körpernahen, hantierbaren Passstücken über seine Möbeln zu mäanderartigen Formen aus Aluminium. Die Bronzeskulptur „Bronze (Am Brunnen vor dem Tore)“ (2003) ragt aus einem biomorph geschwungenen Holzsockel. Franz Wests Lust an abstrusen lautmalerischen Benennungen äußert sich nicht bloß in seinen Titeln wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder in seinem Projekt „EINST EIN“, welches er 2005 im Rahmen von „Einstein Spaces“ am Templiner See realisierte, sondern auch in seinen Collagen. In seinen Plakatentwürfen von „Je veux“ (2003) lässt der Wiener Galerist Christian Meyer die Hosen runter. Banales trifft auf existentialistische Züge, deren Nähe zu George Batailles erotikgetränkten Texten evident ist. Wests geistreiche Kommentare sind von Sigmund Freud und Ludwig Wittgenstein inspiriert, aber auch von der Wiener Kaffeehauskultur in der das Erhabene und Vulgäre sich die Türklinke reichen.

Franz Wests Verarbeitung abstrakter philosophischer Gedankengebilde mündet in informelle Skulpturen und reiht sich in die Tradition von Alberto Giacometti. Seit 1977 produziert Westseine legendären Passstücke, die zur körperlichen Benützung einladen und deren Ziel es…

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von Ursula Maria Probst

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