Jörg Zimmermann
Mimesis im Spiegel:
Spekulative Horizonte des Selbstporträts
Seitdem Sokrates die Forderung des delphischen Orakels „Erkenne dich selbst“ zum Leitprinzip des Philosophierens erhob, ist der Selbstbezug des Individuums in der Vielfalt seiner möglichen Weisen des „Gegebenseins“ ein zentrales Thema aller Darstellung zwischen den Extremen reiner Nachahmung und reiner Schöpfung aus dem Nichts. Bis heute ist die theoretische und praktische Beschäftigung mit Voraussetzungen, Modalitäten und Zielen von Selbst-Darstellung in weite spekulative Horizonte eingebettet. Der historische Bogen wird dabei häufig nach einem einfachen Schema gespannt: Erst in der Renaissance trete das Thema der Individualität philosophisch und künstlerisch hervor, um nach einer Phase der Steigerung bis zur Vergottung in die Krise der Moderne einzutreten, an deren Ende schließlich die Verabschiedung des Selbst als einer Form illusionärer Bespiegelung stehe. – „Und gar das Ich! Das ist zur Fabel geworden, zur Fiktion, zum Wortspiel: das hat ganz und gar aufgehört, zu denken, zu fühlen und zu wollen!“ Diese von Nietzsche intonierte paradoxe Selbst-Aufhebung ist inzwischen in vielen Varianten – sprachkritisch, strukturalistisch oder dekonstruktivistisch – durchgespielt worden. Sie ist eine ihrerseits spekulative Gegenfigur zu jener Verabsolutierung des Selbst auf dem „Höhenweg“ der Philosophie, die in Hegels Konzept eines in der geschichtlichen Aneignung des Anderen als begegnender Welt sich bildenden Selbst-Bewußtseins kulminiert, dem nichts mehr unbewußt, fremd oder äußerlich wäre.
Den spekulativen Selbstkonzepten der Philosophie stehen die konkreteren Formen künstlerischer Mimesis/Poiesis gegenüber, bildnerische und literarische. Die Übergänge bleiben jedoch fließend. Vor allem der seit Platon mit jeglicher Darstellung nahezu zwangsläufig assoziierte Begriff des Bildes stiftet eine Fülle intermedialer Beziehungen,…
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