Magazin: Kulturpolitik · von Ingo Arend
Magazin: Kulturpolitik , 1993

Ingo Arend
Multikulturelle Entwarnung für das Kulturphänomen Fremdenhaß?

Kulturbarometer des Zentrums für Kulturforschung

Der verordnete Euphemismus der frühen Einheitstage: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, ist längst verflogen. Das einig Vaterland ist nicht nur ökonomisch und sozial gespalten. Folgt man dem Bonner „Kulturbarometer“, stehen sich auf deutschem Boden auch zwei verunsicherte Kulturen gegenüber.

Vergleichbar dem ZDF-„Politbarometer“ läßt das „Kulturbarometer“ die kulturelle Lage der Nation vermessen. Erstellt wird es von dem Bonner „Zentrum für Kulturforschung“, einem kulturwissenschaftlichen Forschungsinstitut. Die Befragung unter 3065 Personen ab 14 Jahren in alten und neuen Bundesländern für das erste Halbjahr 1992 brachte das vorurteilsstürzende Ergebnis, daß die kulturelle Offenheit gegenüber fremden Kulturen und das Kulturinteresse generell im Osten für diesen Zeitraum offensichtlich stärker ausgeprägt sind als im Westen.

Der historische Umbruch hat den einen Teil des neuen Deutschland zumindest neugierig gemacht, den anderen aber vergleichsweise kulturresistent hinterlassen. Dennoch bleibt das Ego der vermeintlichen Kulturnation insgesamt eine beunruhigend labile Masse.

Zwar kann sich der angeblich weltoffene Besserwessi vom angeblich ausländerfeindlichen Nischenossi laut „Kulturbarometer“ eine ordentliche Toleranzscheibe abschneiden: Nur 51 Prozent der Befragten in der ehemaligen DDR, aber 60 Prozent im Westen bejahten Zuzugsbeschränkungen für Ausländer und Asylbewerber. Im Osten lehnten nur 45 Prozent deren Anwesenheit in ihrer Nähe ab, im Westen sind es dagegen schon 57 Prozent. Und knapp 80 Prozent der Ostbürger werteten Ausländer gar als „interessante Abwechslung“ oder schätzten weltoffene Medien, gegenüber nur 70 Prozent im Westen.

Die Ergebnisse sind freilich keine multikulturelle Entwarnung für das Kulturphänomen Fremdenhaß. Dahinter steckt der Reiz lange entbehrter Exotik. Abstrakte Offenheit praktiziert erst der, der eigene…


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