Titel: Afrika - Iwalewa · von Ulli Beier · S. 165
Titel: Afrika - Iwalewa , 1993

Ulli Beier

Susanne Wenger – Priesterin im Yorubaland

Mitten im Yorubaland, in der kleinen Stadt Oshogbo, lebt die aus Graz stammende Malerin und Bildhauerin Susanne Wenger. Vor vierzig Jahren kam sie mit ihrem Mann Ulli Beier nach Nigeria. Er ging wieder zurück nach Europa. Sie blieb, folgte dem Traum des Yorubapriesters Ajagemo und begann, die verfallenen heiligen Schreine zu restaurieren, wurde in den Kult der Orisas, der Yorubagötter, eingeweiht und zur Priesterin initiiert. Was viele ihrer Freunde für eine Laune hielten, wurde ihr Leben. Sie heiratete einen Yorubatrommler, wurde Mitglied mehrerer Geheimgesellschaften und stellte ihre Kunst in den Dienst der Yorubareligion. Um die Arbeit am ersten Schrein zu finanzieren, verkaufte sie ihr himmelblaues Fahrrad. Später baute sie neue Schreine, errichtete zusammen mit Yorubakünstlern Skulpturen im heiligen Hain von Oshogbo, in einem Stück Urwald, der, ebenso wie der Fluß Oshogbo, der Göttin Oshun geweiht ist. Bei all ihren Arbeiten folgte sie den Anweisungen des Orakels, fühlte sich mit den Göttern verbunden. „Kunst ist Ritual, oder es ist keine Kunst“, sagt sie.

Sie erlernte die Batiktechnik der Yoruba mit Indigofarbe und gestaltete viele ihrer Kunstwerke in dieser Technik. Später adoptierte sie mehrere Kinder, darunter Shangodare, der heute ein international bekannter Batikkünstler ist und in ihrem Haus in Oshogbo arbeitet.

Durch die Arbeit von Ulli Beier, seiner Frau Georgina und Susanne Wenger ist Oshogbo in der internationalen Kunstszene bekannt geworden. In den sechziger Jahren hielten Georgina Beier und Susanne Wenger Workshops für junge Künstler ab, unter ihnen Twins Seven Seven, Jimoh Buraimoh, der Schnitzer Kasali, Oyewale, der Zementplastiken macht, und natürlich Shangodare, Shangopriester und Batikkünstler. Adebisi Akanji war jahrelang ein Hauptmitarbeiter an den heiligen Schreinen und Plastiken.

Für Susanne Wenger ist die Arbeit all dieser Künstler im Zusammenhang mit der Yorubatradition wichtig. Religiöse Bilder und Inhalte in verkäufliche Kunst umzusetzen, sieht sie eher problematisch. Sie sucht nach der Verbindung zwischen Kunst und Kult, sie taucht in die Tradition der Yorubakulte ein. Aber die Konflikte zwischen Muslimen und Yoruba werden immer stärker. Fünfmal am Tag plärren die Lautsprecher aus den Moscheen nicht nur Gebete, sondern auch wüste Beschimpfungen gegen die Yorubagötter.

Wie stark ist denn die Yorubatradition überhaupt noch, mit ihren Göttern und Tabus und Zeremonien, will ich von Susanne Wenger wissen, die ja wegen dieser Tradition vor vierzig Jahren beschloß, hier zu bleiben, um den Göttern zu dienen.

„Es ist nicht wie früher“, sagt sie. „Die besten Leute sind weggestorben.“ Auch ihr Mann ist tot. „Früher wurden die Rituale genau eingehalten, oft wurde drei Tage lang getanzt und getrommelt. Heute macht man alles ungenau, über den Daumen gepeilt“, bemerkt sie, klagt aber nicht. Das sei halt der Lauf der Welt, man könne nichts festhalten. Man muß die Dinge loslassen können.

„Es ist mir gelungen, die heiligen Plätze unter Denkmalschutz stellen zu lassen“, sagt sie. Mit all ihrer Kraft kämpft Susanne Wenger um diese heiligen Plätze, die schon in frühgeschichtlicher Zeit als Kultorte genutzt wurden. Affen, die heiligen Tiere der Göttin Oshun, springen zwischen den Bäumen hin und her und schreien aufgeregt. Jeden Mittwoch zieht Susanne Wenger sich in den Hain zurück, um an ihrer Skulptur zu arbeiten, bei der sie Zement, Kaurimuscheln, Zähne und andere Materialien zu mythischen Wesen verarbeitet.

Jedes Jahr im August strömen Tausende von Menschen in diesen Hain, zu diesem Fluß, um etwas von dem heiligen Wasser zu trinken und mitzunehmen, um der Oshun ihren Kummer vorzutragen und sich heilen zu lassen. An diesem großen Oshunfest nimmt Susanne Wenger nicht mehr teil. Sie liebt die stille Zeit, wenn sie allein ist mit Oshun und sich inspirieren läßt für ihre Skulptur. Ihre Gelassenheit scheint aus dem völligen Einklang mit der Natur um sie herum zu kommen. Eins mit den Geistern dieser mythischen Plätze, sitzt sie in der prallen Sonne, beobachtet die Zeichen der Tiere und des Flusses.

Susanne Wengers Problem ist nicht der Sprung zwischen der europäischen und der afrikanischen Kultur, dazu ist sie schon zu lange in diesem Land und zu tief eingetaucht in seine Kulte. Ihr Problem ist der Kulturschock zwischen der alten und der neuen Zeit. „Es tut mir weh“, sagt sie, „wenn an den Fingernägeln verdient wird, die man den Göttern schneidet.“

Luisa Francia

Die Aktivitäten von Susanne Wenger haben in Nigeria manchen Widerstand hervorgerufen, immer wieder haben Bodenspekulanten versucht, die Bäume abzuholzen und Wohnblocks am heiligen Fluß zu errichten; immer wieder ist die Künstlerin von fanatischen Moslems bedroht worden. Manchmal haben sie ihre Schreine zerstört, aber wie der Schöpfergott, dem sie dient, hat sie ihre Gegner durch Geduld und Beharrlichkeit besiegt. Zerstörte Schreine baut sie wieder auf, weil sie glaubt, der zweite Schrein würde vielleicht noch schöner als der erste.

Die größere Gefahr droht von denen, die es gutmeinen: Wohlwollende Regierungsbeamte haben einen Plan vorgelegt, nach dem der Hain als Touristenattraktion ausgebaut werden soll (mit Coca-Cola-Kiosk!), damit er auf diese Weise erhalten bleibt. „Dummheit ist gefährlicher als Bosheit“, sagt die Künstlerin dazu. Sie hat gelernt, daß man solche Gefahren einfach „aussitzen“ kann, denn am Ende versickern solche Pläne doch bei den Bürokraten unter einem Wust von Papier.

Unterstützt wurde sie immer wieder vom Nationalmuseum (man erklärte den Schrein zum „National Monument“ und bezahlt zwei Aufsichtspersonen) und dem Ministerium für Forstwirtschaft. Viele nigerianische Familien besuchen den Hain, um ihn zu bestaunen, aber junge Leute sehen hier auch ein Symbol für einen wiedererwachenden Stolz auf die Yorubatradition.

Immer mehr Besucher kommen aus Amerika und Europa. Schwarze Amerikaner, die sich in Kuba in Yorubakulte initiieren lassen, machen regelrechte Pilgerfahrten. Aber auch viele junge Europäer (Künstler, „Grüne“, Aussteiger) kommen, eher als Pilger denn als Touristen. Obwohl die meisten von ihnen im europäischen Alltag ohne Religion leben, empfinden sie in dem Hain etwas, was einem religiösen Erlebnis gleichkommt. Zumindest spüren sie etwas von dem, was diese großartige Kultur einmal war. Sie merken ganz plötzlich, was ihnen in ihrer technologisierten Gesellschaft fehlt.

Ulli Beier