Titel: Kunstverweigerungskunst I · von Gunnar Schmidt · S. 90
Titel: Kunstverweigerungskunst I , 2015

Objektzerstörungen

Vom versehrten Werk zur Realitätsverweigerung

von Gunnar Schmidt

Kriegseindrücke

1999 erschien in Frankreich Paul Virilios Essay Un art impitoyable („Eine gnadenlose Kunst“1), der sich mit der modernen Kunst seit Beginn des 20. Jahrhunderts befasst. Der Text, in dem die These vertreten wird, dass die moderne Kunst sich durch erbarmungslose Grausamkeit, terroristische Spektakel und die Lust am Tod auszeichne, ist eine wütende Tour d’Horizon. Virilio selbst geht erbarmungslos mit der Avantgarde ins Gericht, indem er einen Zusammenhang zwischen den Schlachten des Ersten Weltkriegs, den Genoziden und den atomaren Schrecken, der genetischen Manipulation und den Hassmedien einerseits sowie den seiner Ansicht nach zerstörerischen künstlerischen Praktiken andererseits herstellt. Er nennt die Auflösung des Menschenbildes durch die expressionistischen Deformationen Oskar Kokoschkas und Emil Noldes, die Beseitigung der Repräsentation durch die Abstraktion (Mark Rothko), den dadaistischen, surrealistischen, futuristischen und situationistischen Nihilismus sowie die destruktiven und selbstdestruktiven Manifestationen des Wiener Aktionismus und des Schmerzensmannes Stelarc. Virilios anti-moderner Furor erfuhr in Frankreich eine äußerst ablehnende, zum Teil feindselige Kritik, die gleichwohl nachvollziehbar ist:2 Virilio überblendet katholische Erbarmungsethik mit einer Ästhetik des Leibes, die an einem idealisierten, gottgeschaffenen Menschenbild orientiert ist. Für ihn sind alle Künstler erbarmungslos, die den natürlichen Körper entstellt abbilden. Zudem lässt er kunstgeschichtliche Differenzierungen unberücksichtigt und will in der Folge nicht den Unterschied zwischen der Zeugenschaft des Schindludertreibens durch die Kunst und dem realen Schindludertreiben erkennen.3 Virilios erschrockene Haltung ist nicht frei von paranoiden Zügen, und doch birgt sein Zerrbild einer Massakergesellschaft einen Wahrheitskern, dessen Ursprung in den traumatischen Bildern von Instabilität und Brutalität des Zweiten Weltkriegs…

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