Titel: Zeichnen zur Zeit VII , 2015

Gary Kuehn

Mehr als 40 Jahre Arbeit sind nicht leicht zusammenzufassen, doch möglicherweise lässt sich für Gary Kuehn als durchgehendes Moment das Prinzip einer dialogisch-ergänzenden Fortschreitung beibringen, angewandt im medialen Zwischenraum von Skulptur, Malerei und Zeichnung: Gelegentliche Auftritte in der jeweilige Reinform nicht ausgeschlossen. Immer wieder gibt es seit den 60er Jahren Objekte, die einen konstruktiven Teil komplementär bzw. organisch ergänzen, einen aus Winkelhölzern angedeuteten Kubus etwa, dessen andere Hälfte mit einem Strohballen oder einen Reisigbündel weitergedacht wird, wobei der Künstler den expressiven Wildwuchs durch gut sichtbare Halterungen und Schrauben (q.e.d.) bändigt. Ende der 60er Jahre sprach man im Zusammenhang mit Grundsatzüberlegungen dieser Couleur von ‚Prozesskunst’. 1969 in Bern, in Harald Szeemanns legendärer Ausstellung „When Attitudes Become Form“ zeigte Kuehn unter anderem eines seiner „Wedge Piece“. Die Spitzen von vier abgeschrägten Sägeböcken hinterlassen in der aufgelegten, Glasfiberverstärkten Matte ihre deutlichen Spitzen. Begleitet werden solche Versuche durch eine Reihe planender und kontrollierender ‚Bildhauerzeichnungen’. Das Material selbst reagiert auf eine Intervention und bildet am Rand eine anmutig gezackte Linie oder einen expressiven Wildwuchs; wenn man so will mit einer plastischen Einzeichnung, die als dreidimensionale Entsprechung seines „Gesture Projects“ verstanden werden könnte. Die Geste mit ihren schönen „Linienschwüngen“ (Dorothea Zwirner) geht auf die gegebenen Möglichkeiten ein, sie dialogisiert zum Beispiel mit dem Format und seinen unerbittlichen Grenzen. Auf einer rollenden Kugel wird sie zur unendlichen Linie, das Blatt kann aber gelegentlich „Gefängnis“ sein, wie Kuehn es im Gespräch mit Donna de Salvo formuliert. Die Geste wäre angesichts der Tatsache, „dass es keine Freiheit gibt“…

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von Reinhard Ermen

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