Titel: Zeichnen zur Zeit VII , 2015

Karim Noureldin

Es muss eine erste gegebene Form, einen initialen Umriss geben, von dem sich der Rest fast wie von selbst ergibt. Ein Element reagiert auf das andere, vielleicht gibt es gelegentlich so etwas wie ein Frage- und Antwortspiel; vorzustellen als dialogisches System zum Bespielen von Räumen und Flächen. Ganz in so einem Sinne sagt Karim Noureldin im Gespräch zu Reto Thüring: „Der Aspekt des Wachsens fasziniert mich.“ Wachsen wäre die allgemeine wie grundsätzliche Formel für eine prozessuale Fortschreitungstechnik, die auch mit Bauen, ja mit Anbauen umschrieben werden kann. Teil dieses Erweiterungsgedankens ist der Umgang mit der Farbe. Es wird gebaut, bzw. dialogisiert in kontrastierenden Farbsprüngen, was eine anschmiegsame, koloristische Chromatik nicht ausschließt. Ohnehin herrscht in jedem einzelnen Blatt so etwas wie eine formale Grundstimmung. Ein Gestus, bestimmt die Raumgewinnung, ein Farbkontrast beherrscht in der Regel das Helldunkel. Systematisierungen, zu denen die Einheitsstiftende Anmutung einer jeden Zeichnung verführt, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass jedes Farbfeld aus der Schraffur ähnlicher Töne gewonnen wird, sozusagen aus mikrotonalen Summen, die in ihren energetischen Schüben genauso vom Wachsen zeugen wie der erweiterungsfähige Raumplan. Mit besonderer Vorliebe setzt Noureldin auf spitz zulaufende Grundformen. Der Künstler spricht selbst schon mal von einem „Zickzack“ (Englisch: „zigzag“). Dessen Erweiterungsvokabular ist schier unbegrenzt, also vom Theaterblitz mit entsprechenden Vor- und Nachechos, bis zum mäandernden Formfluss der kühlen oder feurigen Zungen. Man könnte sich an längst vergessene Fortifikationstechniken erinnert fühlen. Wahrscheinlich sind auch die gertenschlanken, sich sanft überschneidenden Linienbündel mit dem umliegenden Freiraum aus dieser expressiven Potenz gewachsen. Dass es sich…

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von Reinhard Ermen

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