Titel: Zeichnen zur Zeit VII · von Reinhard Ermen · S. 202
Titel: Zeichnen zur Zeit VII , 2015

Sasha Waltz

Vom September 2013 bis zum Februar 2014 zeigte Sasha Waltz im zkm Karlsruhe „installations. objets. performances“ Spätestens seit dieser Ausstellung war klar: Die Choreographin ist eine mediale Grenzgängerin, sie ist nicht nur eine Tanzerfinderin sondern auch Bildhauerin und Videokünstlerin; anders wäre der Transport ihrer Kunst in die Hallen eines Museums gar nicht möglich gewesen. Dass sich damit auch das zkm erweiterte, ja zum Schaukasten, ja Terrarium eines partiell bewegten Skulpturenparks wurde, gehört mit dazu. Das Naheliegende findet nicht statt. Die Bildhauerin Sasha Waltz formt, knetet weniger ihre Tänzer, ihr Material ist vielmehr der Raum, den sie durch die bewegte Anwesenheit von Menschen rhythmisiert und moduliert. Mit zu diesem plastischen Konzept gehören Widerstände, die den Weg verstellen. Daran müssen sich die Figuren geradezu abarbeiten. Immer wieder suchen die tanzenden Protagonisten die Wand auf, einen choreographischen Unort, an dem der Raum eigentlich zu Ende ist. Trotz oder gleichzeitig mit einer unübersehbaren Vorliebe für geradezu monumentale Örtlichkeiten kommt es bei Waltz gelegentlich zu dieser forcierten Platznot, bewegte Reliefs entstehen. Die Wand wird zu Projektionsebene, vor der, besser: In der sich die Körper vorsichtig bewegen, um selber (fast) zur Wand zu werden. Von solchen animierten Reliefs ist es nicht weit zum flat screen ihrer Videos. Was gelegentlich aussehen könnte wie der Rückzug auf/in gleichsam zweidimensionale Flächen, ist vielmehr Ausdruck einer energetischen Bündelung, die sich auf schmalem Grat sammelt, um von da aus noch intensiver zu wirken, als sei die Bühne, bzw. der zu modellierende Raum auch so etwas wie eine gespannte Leinwand, wie ein weißes Blatt: „Bei mir geht es immer vom absoluten Nullpunkt aus“, sagt sie selbst. Von da aus fällt der Blick in den „Archivraum“, den die Titelei der Karlsruher Retrospektive bewusst oder versehentlich verschwieg; vielleicht weil man die in dieser optischen Fußnote versammelten Zeichnungen lediglich als Arbeitsmaterialien betrachtete.

So ein „Nullpunkt“ beginnt mit ihren Skizzenbüchern, oder wie soll man die zahllosen Hefte bezeichnen, in denen die ersten Ideen Gestalt annehmen. Das sind flüchtige, oft genug atemlose Notate, ja, manchmal gilt es, schnell einen Traum festzuhalten, der sonst verloren geht. „In der Kreation, im Prozess, da ist die Zeichnung absolut wichtig.“ (SW) Diese Arbeit der Choreographin mit dem Blick auf die kommende Szene hat ihre eigene Attraktivität. Dass Sasha Waltz schon mal daran dachte, Malerin zu werden, bevor der Tanz sie ganz einnahm, sieht man dieser Arbeit zuweilen an. Die Künstlerin ist hier ganz bei sich, sie kann sich angemessen ausdrücken, und manchmal taucht sie von den kleinen Visionen wieder auf in die Normalität, hält Telefonnummern, Arzttermine oder Maße fest. Die Hefte, nach denen sie greift, bilden eine abenteuerliche Zufallsversammlung. Von der Schulkladde aus dem Schreibwarenladen um die Ecke bis zum Schmuckalbum aus japanischem Reispapier ist alles zu finden. So ein Spannungsbogen macht den zusätzlichen Reiz dieser Tagebücher aus. Intim und embryonal kommen die eigentlichen Ideen daher, doch keinesfalls so privat, dass der Blick in die Werkstatt Erröten macht. Ganz im Gegenteil: Es herrscht Unmittelbarkeit ohne Prätention vor, und gleichzeitig sind die kleinen Bilder greifbar genug, um in halböffentlicher Runde diskutiert zu werden. Figurinen und verwischte Strichmännchen gibt es immer wieder. Die Zeichnerin gibt expressive Signale von sich. Mit dem Bleistift gesetzte Pfeile gehören dabei zur Grundausstattung, sie markieren das Feld der Richtungen. Manchmal scheint das Geschehen, von dem Waltz träumt, zu fließen, für „Sacre“ rammt sie farbige Stifte wie synkopierende Totems in den Strom, blasse Schnörkel deuten anderswo Leere an oder überbrücken diese auch nur. Bewegung, die als Schriftzeichen dynamisiert wird, hat ganz allgemein das Sagen, was Stillstand mit einschließt; ohnehin kann die Zeichnung ja nur Augenblicke festhalten, die hier ganz entschieden Teil eines (angehaltenen) Kontinuums sind.

Das zeichnerische Hauptwerk der Sasha Waltz bilden diese Aufzeichnungen. Sie sind Teil eines nach wie vor existenten choreographischen Selbstverständnisses, das noch immer auf der produktiven Suche nach einer Tanzschrift ist, obwohl es mittlerweile zahllose, technische Möglichkeiten gibt, so etwas festzuhalten. Zuweilen lässt die Tanzmeisterin auch zeichnen, auf der Bühne entstehen Bilder in Form von Spuren, die übrig bleiben und Zeugnis vom Gewesenen ablegen. Die Choreographin als Konzeptkünstlerin. Darüber hinaus gibt es Blätter, die nicht mit dem Blick auf das unmittelbare choreographische Feld entstehen, ohne dieses Herkommen aber nicht denkbar wären: Biegsame Körperbilder mit kreisenden Umrissen oder (ziemlich weit davon entfernt) ein Gitterfeld, das in einem Materialmix weich gebettet ist.

Sasha Waltz

geboren 1963 in Karlsruhe. Erster Tanzunterricht mit fünf Jahren. 1983 – 1986 Studium an der School For New Dance Development Amsterdam. 1986/87 Tanzarbeit in New York. 1992 Stipendium für das Künstlerhaus Bethanien in Berlin. 1993 Gründung der Tanzkompanie Sasha Waltz & Guests (zusammen mit Jochen Sandig) in Berlin. 1986 Etablierung der Sophiensäle Berlin als universeller Veranstaltungsort. 1999/2000 als erste Choreographin im Direktorium der Schaubühne an Lehniner Platz (bis 2004). Seit 2006 arbeitet sie mit ihrer Kompanie im Radialsystem V in Berlin. Mit ihrer Truppe macht Sasha Waltz zahlreiche Gastspiele in aller Welt. Außerdem inszeniert sie seit einiger Zeit regelmäßig Opern an ersten Häusern, in die ihre Tänzer mit eingebunden sind. Erstes Beispiel dieser choreographischen Opern war Purcells „Dido and Aeneas 2005. Hinzu kommen seit 1999 noch ‚unbewohnte‘ Museumsräume wie das Jüdische Museum Berlin (1999), die Eröffnung des Maxxi in Rom oder des Neu/wiederaufgebauten Neuen Museums in Berlin (2009). Nicht erst aus dieser natürlichen Nähe zu Bildenden Kunst ergab sich 2013/14 die umfängliche Werkschau „installations. objets. performances“ im zkm Karlsruhe, die für Sasha Waltz aber auch das Zentrum für Kunst und Medientechnologie zum produktiven Grenzfall wurde.

www.sashawaltz.de