Ausstellungen: München , 1995

Justin Hoffmann

Pia Stadtbäumer

Galerie Rüdiger Schöttle, München, 18.1. – 19.2.1995

Wenn wir die Vielzahl der Stimmen über die Skulpturen von Pia Stadtbäumer betrachten, fallen uns unter den negativen zwei Lager auf. Die eine Kritik stammt von jenen, die sich prinzipiell gegen eine naturalistische Darstellungsweise in der Bildhauerei heute wehren und, wenn Werke überlebensgroß ausfallen, mit Akademismus oder gar Arno Breker argumentieren. Andere Einwände kommen von Leuten, die Stadtbäumer überzogene Dramatik, ja Kitsch vorwerfen und von der ungebührlichen Totalisierung von Körperteilen und der Evokation von Schrecken reden.

Doch wenn man beide Kritikpunkte (Oberflächlichkeit versus Große Gefühle) miteinander vergleicht, erkennt man schnell, daß sie sich weitgehend widersprechen. Denn ein reiner Illusionismus erzeugt kein Grauen, sondern höchstens Irritation. Und der Schrecken, den Pia Stadtbäumer erzeugt, kommt ohne harte Drastik, ohne sichtbare Verletzungen wie an Kiki Smiths Skulpturen aus. Die Figuren wirken vergleichsweise ruhig und lapidar. Sie brauchen keine freigelegten Muskeln und Blut.

Ihre neuesten Arbeiten stellte die Künstlerin, die sich längere Zeit in München aufhielt, in drei Räumen der Galerie Rüdiger Schöttle vor. Im Zentrum stand eine hängende Skulptur, ein Körperschnitt, der einen ganzen Raum in der Schräge teilt. Die Charakteristik des Homo sapiens ist seine hochragende Gestalt. Im Gegensatz dazu sind die Schnittstellen von Stadtbäumers Figur so gewählt, daß sich der Mensch als monströses Körperfragment in der Horizontalen ausbreitet. Weit ausgestreckte Arme, gespreizte Finger, muskulöse Schultern und ein Halsansatz markieren eine waagrechte Linie in einer Raumhöhe, die die Köpfe hochgewachsener Galeriebesucher ducken läßt. Statt des Kopfes schließt an den Hals eine dreiteilige Eisenstange an. Sie führt…

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von Justin Hoffmann

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