Ausstellungen: Baden-Baden · von Stephan Berg · S. 442 - 442
Ausstellungen: Baden-Baden , 1993

Stephan Berg

Richard Tuttle

»Chaos die/the Form«

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 21.2. – 25.4.1993

Ein Bleistift, zwei kleine Nägel und ein Stück Draht: Das ist alles, was Richard Tuttle braucht, wenn er sich daranmacht, zwischen allen Systemen und Normierungen ein Reich der poetischen Freiheit und traumschöner, gleitender Balanceakte zu erfinden. Seine „Wire-Pieces“, die die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden zur Zeit zeigt, sind dabei Musterbeispiele für ästhetische Ökonomie und visuellen wie gedanklichen Reichtum gleichermaßen. Ausgangspunkt für die Arbeit und Vorbedingung für ihr Gelingen ist eine intensive psychische wie physische Vorbereitung des Künstlers: Auf eine Phase meditativer Einstimmung, die auf ein größtmögliches geistiges „Leerwerden“ zielt, folgt ein körperliches Begreifen des zu bearbeitenden Raums mit ausgebreiteten Armen. Erst dann nimmt Tuttle die eigentliche Zeichnung in Angriff, die aus einer durchgehenden, meist von oben nach unten gerichteten, direkt auf die Wand aufgetragenen Bleistiftlinie besteht. Anschließend wird ein dünner Draht möglichst genau entlang der Zeichnung geführt und an einem oder zwei auf der Linie eingeschlagenen Nägeln befestigt.

Das klingt nach wenig und ist doch im Ergebnis von einem köstlichen, tiefanhaltenden Reiz: Die lapidare Zeichnung auf der Wand erfährt ihre in den Raum führende skulpturale Verwandlung durch den frei schwingenden Draht, und dieser wird wiederum durch die zarten Schatten, die er wirft, an den Bereich des Immateriellen zurückgebunden. Nichts an dieser Arbeit wirkt dogmatisch, massiv oder endgültig. Wie bei allen Entwürfen des 53jährigen Amerikaners besteht die Qualität seines Vorgehens gerade darin, jede finale Festlegung zu vermeiden und statt dessen dem flüchtigen Bereich des Ephemeren zu fragiler Präsenz zu verhelfen.

Seit jeher kennzeichnet ein dualistischer…

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