Ausstellungen: Wien , 1993

Christian Kravagna

Rudolf Schwarzkogler

Museum des 20. Jahrhunderts, Wien, 10.12.1992 – 31.1.1993

Der jüngste der Wiener Aktionisten ist fast ebensolange tot, wie er gelebt hatte. Rudolf Schwarzkoglers früher Abgang hat ihm das Schicksal der künstlerischen „Normalisierung“ erspart, wie es ihm die Legendenbildung um seine Person eingebracht hat. Wenn er um die Wandlung vom Staatsfeind zum Staatskünstler herumkam, so nicht um das standhafte Klischee vom Märtyrer für die Kunst. Die Legende von Selbstmord und Selbstkastration als „konsequente“ Folge radikaler körperlicher Selbstbefragung schreibt man bis heute auch in seriösen Publikationen fort. Dies ist gerade insofern bemerkenswert, als die Opferrolle demjenigen zugeschanzt wird, der dafür die geringsten Voraussetzungen mitbringt, war doch Schwarzkoglers Kunst die am wenigsten expressive und in ihrem theatralischen Gehalt zurückhaltendste aller Aktionisten. Und im Gegensatz zu Günter Brus etwa, der den Körper als Substitut der Leinwand begriff und nach dessen Bemalung (kunstgeschichtlich folgerichtig) tatsächlich sezierte, spielte sich Schwarzkoglers Analyse von Körpererfahrungen immer auf der Ebene des Symbolischen ab. Abgesehen von toten Fischen wurde niemand verletzt, nicht einmal das ästhetische Empfinden des Publikums. Dieses war – mit Ausnahme weniger Freunde – zu Schwarzkoglers Aktionen nicht zugelassen.

Sosehr Rudolf Schwarzkoglers erste Retrospektive geeignet ist, die mythisierende Geschichtsschreibung zu korrigieren, sosehr eignet sich gleichzeitig die ausgewogene Darstellung dieses Werks von den frühen malerischen Arbeiten über die Aktionen bis zur „konzeptuellen“ Spätphase dazu, aus der falschen Mär einen wahren Kern zu isolieren. Denn nimmt man die Selbstentleibung als symbolische, so trifft man mit der Entsubjektivierung des künstlerischen Akteurs, der sich in seiner optischen Erscheinung den ihn umgebenden Dingen…

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von Christian Kravagna

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