Titel: Ästhetik des Immateriellen II , 1989

Synergie von Mensch und Maschine

Friedrich Kittler im Gespräch mit Florian Rötzer

Gerade von Künstlern wird gegenwärtig ein Begriff geradezu fasziniert aufgenommen, der ursprünglich aus dem Bereich der mathematischen Wissenschaften kommt und in dem der Informationstechnologien sich verbreitet hat, nämlich der Begriff der Simulation. Er scheint die traditionellen Kategorien, die für ästhetische Theorien bestimmend waren – wie Schein, Bezug zur Realität, Erscheinung, Mimesis, Abbildung oder Idealisierung – abzulösen und zu ersetzen. Kommt denn in der Verwendung dieses Begriffs und für den phänomenalen Bereich, den er umfassen soll, wirklich eine neue Kategorie in die ästhetische Theorie, sofern sie von Simulationsprozessen ausgeht?

Die Faszination am Begriff Simulation hängt für die Künstler wohl an dessen Technizität, mit der er in der Mathematik und Ingenieurskunde funktioniert. Künste heute sind fasziniert davon, was die Technik durch Simulation machen kann, weil das Effekte sind, die sie in ihrer herkömmlichen Form nicht haben hervorbringen können. Die klassischen Begriffe für das, was neuerdings Simulation heißt, waren Fiktion und Illusion und bezeichneten immer ein Zurückbleiben der ästhetischen Aktivität gegenüber dem Begriff oder der sogenannten Wirklichkeit. Dieser Mangel resultierte aus den notwendigen Reduktionen, die Kunst, um operativ zu sein, durchführen mußte.

Niemand kann die Sterne selber manipulieren. Eben deshalb manipulierte die Lyrik das entsprechende Wort: Sie brachte die „Sterne“ in Versfüße einer Alltagssprache und reimte sie auf „Feme“. Nicht viel anders reduzierte die Musik reale Klänge oder gar Geräusche, weil sie nicht speicherbar waren, auf Intervalle. Nur so kam der Klang auf Papier oder auf die Klaviertastatur, die ja das Notenintervallpapier noch einmal war….

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