Titel: Ästhetik des Immateriellen II , 1989

Literatur als Simulation möglicher Welten

Stanislaw Lem im Gespräch mit Florian Rötzer

Das Gespräch mit Stanislaw Lern wurde anläßlich einer Rundfunksendung zu Schopenhauer geführt. Trotz dieser Verengung der Fragestellung wurde gerade durch den zeitlichen Abstand von Schopenhauers Philosophie zur Gegenwart auch die Relation von geschriebener Fiktion und Computersimulation zum Thema. Über den Bereich der bildenden Kunst hinaus werden in dem hier gekürzten Gespräch Konturen ästhetischer und theoretischer Produktion deutlich, die mir gerade in ihren allgemeinen Formulierungen für den Zusammenhang dieses Heftes wichtig erscheinen.

F.R.: Schopenhauers Überzeugung etwa war, daß die menschliche Geschichte trotz technischem und wissenschaftlichem Fortschritt nicht grundsätzlich anders wird. Die Bedingungen des menschlichen Lebens mit ihren ethischen Problemen bleiben immer die gleichen, deswegen zog er den Schluß, daß man entweder mit diesem Leben mitspielen kann, dabei aber verliert, oder aus ihm aussteigen kann, indem man den Willen negiert. Da Sie sich mit Futurologie, Phantastik und Science-fiction beschäftigen, dann taucht dabei doch immer wieder das Problem auf, ob es denkbar ist, daß die menschliche Lage sich prinzipiell über die technische Entwicklung verbessern ließe, oder ob sich dadurch nur die Probleme verändern oder verschieben?

S.L.: Natürlich war Schopenhauer im Lager der Pessimisten, Schwarzseher und Melancholiker ein großer Anführer, aber auch im Lager der Choleriker. Und da ich auch ein Choleriker, Melancholiker und Pessimist bin, entspricht mir seine Weltanschauung besonders gut. Ich glaube, daß sich dieses Lager heute bedauerlicherweise vermehren sollte, da wir viele Gefahren haben, die auf uns lauern. Wenn uns die Nachricht beispielsweise von dem Vertrag zur Verschrottung der Mittelstreckenraketen erreicht, dann bekommen…

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