Titel: Ästhetik des Immateriellen II · S. 85
Titel: Ästhetik des Immateriellen II , 1989

FRIEDER NAKE

Künstliche Kunst

In der Welt der Berechenbarkeit

Die Welt, wie sie war, wie der Mensch sie vorfand, war die natürliche Welt. Sie war, wie sie war, kein Jota darüber hinaus, ohne Begriff ihrer selbst: einfach nur da.

Die Welt, wie der Mensch sie machte, war die künstliche Welt. In dem Maße, in dem sie künstlich wurde, wurde sie menschlich. Oder umgekehrt. Gleichzeitig wurde sie fragil, doch vorerst kümmerte das nicht. Die künstliche Welt, das war die Asphaltierung der Erdoberfläche, das waren die mathematischen Modelle. Mathematisierung und Asphaltierung, das war das Programm der Künstlichkeit.

Die Kunst war von vornherein künstlich, da menschlich. Aber befand sie sich nicht in einem beklagenswerten Zustand, archaisch in ihren Mitteln, fern der modernsten Technik, immer wieder spontan hervorbrechend? Das allgemeine Programm der Künstlichkeit verlangte nach der künstlichen Kunst. In ihrer bewußten Künstlichkeit würde die Kunst ihren Begriff finden. Bewußt künstlich würde sie dann werden, wenn sie aus der Maschine kam.

Das war der Ansatz der frühen sechziger Jahre. Das Kunstwerk war ein komplexes Zeichen, so lehrte Max Bense.1 Es wies als Zeichen eine tiefe Binnenstruktur auf. Die Materialität dieser Struktur von Zeichen galt es zu durchdringen und in ihr selbst, nicht im Bezug auf anderes, die Kunst zu entdecken. Die Künstler hatten diese Auffassung in Taten und Worten selbst vorbereitet. Wenn die Kunst des Kunstwerks – sein Sinn? – in ihm selbst lag, wenn ästhetische Realität wesentlich in der Selbstbezüglichkeit von Zeichen zu suchen war, dann war der Schritt zur realen Künstlichkeit der Kunst mit dem Computer zu tun. In…

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