Titel: Betriebssystem Kunst · von Joseph Kosuth · S. 63
Titel: Betriebssystem Kunst , 1994

Joseph Kosuth

Über das Spiel des Unsagbaren und des Unerwähnbaren

Verläßlicher kann Geschichte nicht sein,
als wenn der, der sie macht, sie auch erzählt.
Vico

Zwei meiner neueren Installationen, „The Play Of The Unsayable“ bei der Wiener Secession und im Palais des Beaux Arts in Brüssel zum hundersten Geburtstag von Wittgenstein und „The Play Of The Unmentionable“ im Brooklyn Museum in New York, zielten unter anderem darauf ab, mit der gewohnten, institutionalisierten Auseinandersetzung mit der Ausstellungsform zu brechen. Ich bin kein Kunsthistoriker und kein Kurator. Aber seit meinen Anfängen als Künstler bin ich überzeugt davon, daß die Materie des Künstlers im Sinngehalt besteht (und sei es, um ihn zu annullieren), nicht in Farben oder Formen, und mehr als alles andere ist meine Materie immer der Kontext selbst gewesen. Als die Wiener Secession mich einlud, die Wittgenstein-Ausstellung zu machen, betonte man dort, daß die Secession möglicherweise das einzige Museum der Welt sei, das von Künstlern geleitet werde. Sie fänden es, so sagten sie mir, ausgesprochen angemessen, wenn eine solche Ausstellung nicht von einem Kunsthistoriker oder Philosophen organisiert würde, sondern von einem Künstler. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend begann ich darüber nachzudenken, worin der Unterschied bestehe, wenn die Ausstellung selbst ein Kunstwerk ist. Der Hauptunterschied ist wohl der, daß der Künstler schon aufgrund der Natur seines Berufs eine persönliche Verantwortung für das „Mehr“ an Sinngehalt übernimmt, den die Ausstellung selbst dem in ihr präsentierten Werk verleiht. Traditionell ist es so, daß der Kunsthistoriker eine grundlegend subjektive Tätigkeit objektiviert, indem er ihr einen pseudowissenschaftlichen Anstrich verleiht. Gewiß spielt…

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