Titel: Zeichnen zur Zeit , 2009

Reinhard Ermen

Yoshitomo Nara

My Drawing Room“, der Arbeitsraum, wie Yoshitomo Nara ihn 2004 im Hara Museum Tokio zurückließ, sieht aus wie ein Kinderzimmer, das vollgestopft ist mit zärtlichen Devotionalien, mit Bildern, Püppchen und anderem vorpubertären Nippes. An der Wand lehnt die Zeichenmappe wie eine eben abgestellte Schultasche, auf dem Boden ein Karton mit Buntstiften und ein anderer mit CDs, die unentbehrliche Mikroanlage steht daneben. Er hört Rockmusik, sagen die Kuratoren. Der Schreibtisch erscheint trotz der kleinteiligen Fülle aufgeräumt. Die Etiketten der Weinflaschen sind lustig bemalt, im Aschenbecher häufen sich die Stummel. Zahllose Stifte stecken in gelben Smily-Bechern. Wasserschale und Farben stehen in Griffweite. Ansonsten ist der inszenierte Ort typisch, irgendwie sehen seine Arbeitsräume immer so oder so ähnlich aus; einige der Zeichnungen, die zu sehen sind, wurden in eben diesem Zimmer gemacht. Was nicht von Yoshitomo Nara selbst ist, liegt im Radius seiner Ästhetik. Die Püppchen auf dem Regalbrett haben viel zu große Köüfe und Augen: „I guess you know i love you“, behauptet ein rosafarbenes Exemplar etwas scheinheilig auf dem Sockel. Das Gedicht in deutscher Sprache, das links hinten an die Wand gepappt ist („Laila“?), weiß vom frühen Leid: „Manchmal fühle ich mich einsam inmitten meiner besten Freunde.“ Der Unbehauste, der sich hier unter ein ländliches Giebeldach (das es so im Hara eigentlich gar nicht geben kann) zurückträumt, arbeitet weiter an seiner Heroisierung des Kindlichen. Wie ein Refugium mit Zukunftsversprechen mutet diese Höhle an. Yoshitomo Nara ist zu diesem Zeitpunkt 45 Jahre alt, aber seine Jugend wird nie enden,…

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von Reinhard Ermen

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