Titel: 53. Biennale Venedig · von Susanne Boecker
Titel: 53. Biennale Venedig , 2009

53. BIENNALE VENEDIG: Länderpavillons
Österreich: Elke Krystufek, Dorit Margreiter, Franziska & Lois Weinberger

Kurator:Valie Export, Silvia Eiblmayr / Ort: Giardini

Elke Krystufek, Dorit Margreiter, Franziska & Lois Weinberger

Auf der Biennale in Venedig dominiert traditionell das „starke Geschlecht“. So wurden die Beiträge für den österreichischen Pavillon bislang von 29 „Kommissären“, aber nur zwei „Kommissärinnen“ entwickelt. Gezeigt wurden hier seit 1948 104 Künstler, aber nur elf Künstlerinnen. Mit dieser Statistik steht Österreich sicherlich nicht alleine da, thematisiert wird die Diskrepanz im Allgemeinen aber nicht. Der Anlass zur Veröffentlichung dieser Geschlechterbilanz ist ein freudiger, nämlich die Nominierung von zwei Kommissärinnen und drei Künstlerinnen. Ein klares Zeichen für Frauen in der Kunstwelt, über das sich Österreichs Kulturministerin Claudia Schmied besonders freut, der die Positionierung von Frauen auch im Kunstbereich „ein besonders Anliegen“ ist. Mit VAILE EXPORT und Silvia Eiblmayr als Kuratorinnen und Elke Krystufek, Dorit Margreiter, Franziska & Lois Weinberger als ausstellenden KünstlerInnen stehen die Zeichen also recht deutlich auf Weiblichkeit.
Doch was heißt das schon angesichts der ganz unterschiedlichen Positionen, die in dieser Ausstellung zusammengeführt werden? Elke Krystufek wurde der rechte Flügel des Pavillons zugeteilt, eine großzügige Raumfolge, in der sich die Künstlerin ordentlich ausgetobt hat. Mit Tabus will sie brechen – das verkündet bereits der von ihr veränderte Schriftzug über dem Eingang des Pavillons: Statt „AUSTRIA“ ist dort nun „TABU“ zu lesen. Im Innern hat Krystufek nicht nur Bilder an die Wände gehängt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes vom ganzen Raum Besitz ergriffen und die Wände inklusive Fensterflächen zu ihrer künstlerischen Gestaltungsfläche erklärt. Wenn man zwischen den Gemälden, den direkt auf Wände und Fenster gemalten Bildern und den dazwischen verteilten „Denksätzen“ steht, ist das feministische „Jetzt aber!“ nicht zu überhören. Männliche Aktbilder hat Elke Krystufek gemalt in vermeintlich provokativer Umkehr des traditionell männlichen Blicks auf das weibliche, nackte Modell. Ein Backlash, dessen Impetus allerdings ein wenig platt wirkt. Interessanter ihre in bekannt-gekonnter Manier gemalten Porträts männlicher Künstler-Protagonisten. Dazwischen immer wieder Sätze, die sich lesen wie eruptive Ausbrüche lang unterdrückter Ressentiments: „Schütten ist männlich“, steht da geschrieben und „Just a female painter, they say – all pussie“, oder „Gender doesn‘t matter say the male visitors“.
Franziska & Lois Weinberger befassen sich seit Jahrzehnten mit dem Verhältnis von „Natur“ und „Kultur“ und mit den „Randzonen der Wahrnehmung“. Für die Biennale haben sie die Installation „Laubreise“ konzipiert, die nicht im Pavillon gezeigt wird, sondern in einem kleinen, seitlich daneben errichteten Bau aus Sperrholzplatten. In diesem untergebracht ist ein mannshoher, kubisch geschichteter Komposthaufen, um den man gerade noch herumgehen kann. Im Innern des Verschlages riecht es – wie sollte es anders sein – recht modrig, durch die über die Dachlatten gebreitete Plastikplane fällt blauschimmerndes Licht. Naturgemäß wird sich die Installation im Laufe der Biennale verändern, wird ihre ursprünglich exakte Form verlieren, sich verflüssigen, verfallen… „Der Zerfall des Haufens erzeugt die Zeit / die es ermöglicht / einen Bruchteil der großen Veränderung zu bemerken und den Raum der Kunst in einen Raum des Existentiellen zu verwandeln“, kommentiert Weinberger diesen Prozess. Neben dieser Arbeit gibt im Pavillon eine Installation von Objekten, Zeichnungen, Fotos und Texten aus den 1970er Jahren bis heute einen kleinen Ein- und Überblick in das Schaffen des österreichischen Künstlerpaares
Kontrastierend zu Elke Krystufeks eruptiven malerischen Tabubrüchen und dem sehr sinnlichen, sich immer auf die Natur beziehenden Ouvre der Weinbergers steht Doris Margreiters komplexer Biennale-Beitrag, der sich ganz um den Kosmos von Kunst und Architektur, Präsentation und Dokumentation, Performance und Film dreht. In ihrem Film „Pavilion“ setzt sich Doris Margreiter mit der Architektur des von Josef Hoffmann erbauten, 1934 eröffneten österreichischen Pavillons auseinander. Um die Identität des Gebäudes in seiner Geschichte und Funktion als Ausstellungsraum zu erkunden, verwandelte sie den Bau im Frühjahr in ein Filmstudio und einen Performanceort. Dort baute sie ephemere Szenarien auf: Arrangements minimalistischer Objekte, Kuben oder Kugeln, die im Film durch Ausschnitt und Schnitt eine poetische Präsenz bekommen. Zwischen diese formalen Studien schnitt sie Bilder der Performanceauftritte weiblicher Protagonistinnen. Das Ergebnis der mehrtägigen Aktion ist ein grobkörniger, surreal anmutender Schwarz-Weiß-Film, in dem die Architektur als Filmkulisse inszeniert und zugleich in ihrer Funktion als Ausstellungsort überprüft wird. Geschlossen wird der selbstreferentielle Kreislauf der Filminstallation durch die Verwandlung des realen Pavillon-Raums in einen Vorführraum, ein Kino, das den Effekt eines 1:1 Modells hat.

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