Titel: Zeichnen zur Zeit · von Reinhard Ermen · S. 390 - 393
Titel: Zeichnen zur Zeit , 2009

Reinhard Ermen

Philipp Loersch

Das lineare Innenleben der Zeichnung scheint zu fliegen. Der Träger und seine ursprüngliche Zweidimensionalität haben sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Das sind cut outs, Philipp Loersch hat die Bildelemente freigestellt; der widerständige Kunststoff Polystyrol und die Tatsache, dass alle Gesten und Versatzstücke linear und ursächlich miteinander verkettet sind, erlaubt die netzartige Eigenexistenz im Raum. In diesem Fall ist das filigrane Beziehungsgeflecht über einen mehr als mannshohen Tischbock geworfen. Ein zweites, annährend ähnliches, warum nicht: echoartiges Netzwerk ist mit zahllosen (zuerst) unsichtbaren Fäden in einen ähnlichen Schwebezustand gebracht worden: „Dir, Alice, und dir, Bob!“ Es geht um ein Sender- Empfängermodell, das der Titel mit dieser verkürzten Dialogformel umschreibt. Man kann aber auch ein Thema und eine Variation ausmachen, wobei die Differenzen, abgesehen von der unterschiedlichen Aufhängung, (Überhaupt: Was ist Thema, was Variation) zwischen den beiden nur schwer auszumachen sind. Im Kleinen arbeiten die sich entwickelnden Variationen weiter. Neben dem konkretisierten, in den Erlebnisraum der Betrachter gleichsam hineingebogenen Schwebezustand, gibt es noch die illusionistische Räumlichkeit der Zeichnung selbst, die durch eine dominante Zentralperspektive evoziert wird. Alle Teile fliegen auf einen Punkt zu. Oder werden sie von ihm ausgespieen? „Die Zeit fliegt zum Fenster hinaus“, heißt es in einem anderen Zusammenhang, der sich hier aber spontan assoziiert, bei Richard Powers (The singing of our time). In den Malstrom sind Linien, geometrische Gebilde, Wolken, Baumstämme geraten. Ein Zimmer und ein Fenster behaupten in den Einflugschneisen des energetischen Sogs mit verhaltenem Trotz Reste gleichsam kontrapunktischer Eigenperspektiven.

Generiert wurde dieses zentrifugale Szenario nach dem…

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