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Ausstellungen: Hamburg · von Hajo Schiff · S. 296 - 297
Ausstellungen: Hamburg , 2008

Hajo Schiff
Adolph Menzel und Lois Renner – Das Künstleratelier

Hamburger Kunsthalle – Kuppelsaal, 9.8. – 2.11.2008

Die alte und die aktuelle Kunst haben sich durchaus einiges zu sagen. Doch ist es formal meist schwierig, moderne Großformate und historische, glasgesicherte Goldrahmenbilder zu kombinieren. Wenn die Hamburger Kunsthalle jetzt den preußischen Realisten Adolph Menzel (1815 – 1905) und den 1961 geborenen Wiener Lois Renner zusammenbringt, so funktioniert das aus mehreren Gründen: Nicht der Kurator Jenns E. Howoldt allein hat sich diesen Bezug ausgedacht, der österreichische Künstler selbst hat sich ausdrücklich auf die beiden, in Hamburg und Berlin befindlichen Bilder von Menzels Atelierwand bezogen. Und über den großen Zeitraum von rund 130 Jahren hinweg ist beider Thema das Künstleratelier, nicht als nahe liegendes und oberflächliches Motiv, sondern als paradigmatischer Ort der Bild- und Gedankenproduktion.

Doch man kann nicht nur alt und neu zusammenhängen und auf die Intuition des Publikums hoffen. Anders als in der Mark Rothko Ausstellung, die auf der Hamburger Station im gleichen Hause auf willkürliche und formal unbefriedigende Art mit Bildern von Bonnard und Caspar David Friedrich ergänzt wurde, funktioniert hier die Gegenüberstellung von großen Fototafeln und – tiefer gehängten – gerahmten Ölbildern. Denn es wurde noch eine dritte Bezugsebene inszeniert: ein Textstreifen über dem Boden gibt Zitate aus den kunsttheoretischen Schriften von Werner Hofmann wieder. Diesem am 08.08.1928 in Wien geborenen ehemaligen Leiter der Hamburger Kunsthalle von 1969 bis 1990 ist diese Ausstellung ausdrücklich zum 80. Geburtstag gewidmet.

Das Atelier als Ort verschiedenster Möglichkeiten einer Produktion und die Schreibstube des Theoretikers haben vieles gemeinsam, versteht man sie in übertragenem Sinne als einen Denkraum. Menzels gemalte Gipsabgüsse und Renners photographierte Ateliermodelle sammeln und montieren das Vorgefundene, sie arbeiten mit der phantasiebeflügelnden Unvollständigkeit des Torsos und mit dem Surrealismus ungewohnter Begegnungen. Das entspricht direkt den Kernbergriffen, mit denen Werner Hofmann die Moderne klassifiziert: Polyfokalität und Fragment.

Trotz unterschiedlicher Medien ähneln sich Bildirritationen und Zitate: Was bei Menzels Atelierwand der Torso des Laaokon ist, ist – mehrfach wiederkehrend – in Renners Bildern der Torso des Barberinischen Faun aus der Münchner Glyptothek, nun auch mal zeitgemäß in ein Fitnessgerät eingespannt. Sind aber Menzels Bilder modern durch die fragmentarische Neukombination der Gipsplastiken durch die Malerei, geht der im übrigen exzellent malende ehemalige Gerhard-Richter-Schüler Lois Renner weit über die Leinwand hinaus. Seine Atelierbilder sind nicht inszenierte Photographien seines Arbeitsraumes, sondern in Hunderten von Stunden gebaute Modelle seines Ateliers. Nur durch die suggestiv dokumentarische Kraft der Photographie erscheint die 1:10 verdichtete und malerisch inszenierte Puppenstube wie Realität. Und seit neuestem löst sich beim Nähertreten das Bild des Modells des Raumes in das Bild des Bildes des Raummodells auf: Teile des photographischen Abbildes stellen sich in ihrer Struktur als gemalt heraus. So geht es inzwischen weniger darum, den Raumkulissen einen zumindest fragmentarischen erzählerischen Zusammenhang hinzu zu denken, als darum, in digitalen Raumfiktionen überhaupt eine Realitätsebene wahrzunehmen.

Sowohl Adolph Menzel wie Lois Renner machen nicht nur Kunst über Kunst, sondern was viel seltener ist, sie ehren auch befreundete Kunsthistoriker. In Menzels schon 1896 von Alfred Lichtwark für die Hamburger Kunsthalle erworbener „Atelierwand“ ist die Totenmaske des im Entstehungsjahr des Bildes 1872 gestorbenen Kunsthistorikers Friedrich Eggers, eines Freundes des Malers, in antiken Zusammenhang gestellt. Und Lois Renner hat in einer seiner digitalen Mischungen von Malerei und Photographie ein Porträt des – noch durchaus lebendigen – Kunsthistorikers Hans Belting in eine barocke Apotheose versetzt.

Vielleicht ist, außer für Menzel und Renner, Hofmann und Belting, im lichten Rund des Kuppelsaales noch Raum für die geistige Anwesenheit eines kunsthistorisch besonders hellsichtigen Hamburgers und eines Dritten aus Wien: des 1866 geborenen Kulturwissenschaftler Aby Warburg, der in den späten zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts an seinem Mnemosyne-Atlas über die Wanderung der Bildideen arbeitete und die des Kunstsammlers und Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud mit seiner Maxime „Erinnern, wiederholen, durcharbeiten“.

Mit nur 12 Bildern zeigt sich in diesem für die Architektur der Hamburger Kunsthalle zentralen Tempelraum mit seinen axialen Durchblicken auf die Bilder der Heilgeschichte im Altar von Meister Bertram und – zur anderen Seite – auf die aus Fragmenten wieder gewonnene Allegorie des „Großen Morgens“ von Philipp Otto Runge, eine kleine, präzise und schöne Ausstellung.

Katalog im Verlag Hachmannedition, herausgegeben von Jenns E. Howoldt mit Beiträgen von Marlies Behm und Sabine Heiser, 64 Seiten, 33 Bilder, 9,80 Euro